17. Juli 2019

Eine Sportart im Wandel der Zeit

Deutscher Ringerbund feiert sein 100jähriges Bestehen

Nach 30 Jahren wieder ganz oben

In Anlehnung an die Finalkämpfe der Bundesliga sollten die Oberligen zukünftig aus zwei Staffeln bestehen. Die ersten beiden jeder Staffel würden dann den Meister ermitteln. Die Sportclubs blieben ein letztes Jahr für sich. Ihre Meisterschaft fiel aber aus.
Zum ersten Mal seit 1959 starteten die Greizer Ringer im September 1989 – nur einige Wochen vor den entscheidenden politischen Ereignissen in Deutschland – in der höchsten Leistungsklasse. Wie waren die Voraussetzungen dafür? Die Mannschaft konnte sich durch jahrelange Kämpfe in der DDR-Liga auf einen reichen Erfahrungsschatz stützen. Die Trainingsbedingungen entsprachen aber in keinem Fall denen der etablierten Oberligamannschaften des freien Stils wie Wismut Aue, Stahl Hennigsdorf, Motor Warnowwerft Warnemünde oder der Kampfgemeinschaft Eisleben/ Vorwärts Weißenfels.
Auch ein letztes Hilfeersuchen an die SED-Kreisleitung blieb unbeantwortet. Diese hatte, abgesehen von der sich immer mehr verschlechternden politischen Situation, alle Hände voll mit den Fußballern der ISG Greiz zu tun. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Auch die Ringer sind Anhänger des Greizer Fußballs. Aber die Ringer wurden von der Kreisleitung, auch als sie die höchste Leistungsklasse erreicht hatten, ebenso geschnitten wie die Vertreter aller anderen Sportarten und Fußballmannschaften des Kreises. Lag es daran, daß sich in der Sektionsleitung von Rotation kein einziger SED-Genosse befand?

Abreise in Westen

Nicht einer der Kämpfer stand jemals unter politischem Druck. Auch dann nicht, als einige Ausreiseanträge in die BRD gestellt hatten. Es meldeten sich sogar zwei Sportler anderer Mannschaften in Greiz an, die in ihrer Heimat-BSG nicht mehr starten durften, weil sie die noch existierende DDR verlassen wollten.
Doch schneller als der Einsatz in Greiz kam die Abreise in den Westen. So liberal ging es damals beileibe nicht in jeder BSG zu. Als der Flüchtlingsstrom auf die Deutsche Botschaft in Budapest immer stärker wurde, wurde die Saison mit einem Vergleichskampf gegen die ungarischen Gäste aus Kecskemet eröffnet. Zum Abschied sagte der ungarische Delegationsleiter Istvan Szabo: „In zwei Jahren ist der Sozialismus auch bei Euch vergessen.“

Die Saison übertraf alle Erwartungen. Hinter dem 2-fachen DDR- Mannschaftsmeister Stahl Hennigsdorf belegte Rotation Greiz den zweiten Platz in der Oberliga des freien Ringkampfes. Traditionsreiche Mannschaften, die teilweise jahrelang in der Oberliga gerungen hatten, wie Robotron Sömmerda, Motor Markneukirchen, Traktor Taucha und Chemie Kahla wurden nach vielen Jahren erstmals wieder besiegt.
Besonders gegen den Rivalen aus dem eigenen Bezirk, Chemie Kahla, sdllte unbedingt gewonnen werden.

Die Sektionsleitung war unermüdlich nach Verstärkung der Mannschaft unterwegs, und konnte den Favoriten Kahla bereits auf der Waage mit dem Einsatz von Steffen Müller (früher Wismut Aue) und den beiden DDR-Meistern Jens Abisch (Dynamo Luckenwalde) und Timo Wagner (SC Leipzig) schocken. Nach heißem Kampf wurde auch in Kahla gewonnen.
Zwar verließen alle drei Gastringer die Greizer wieder, doch dafür waren einzig und allein berufliche und gesundheitliche Gründe ausschlaggebend. Noch heute sind sie Anhänger des Greizer Ringkampfsportes.

Die Aktiven von Rotation hielten auch nach Öffnung der Grenzen ihrem Verein die Treue. Vollständig fuhr die Mannschaft am 10. November 1989, dem zweiten Tag der offenen Grenze, zum Oberliga-Vergleich nach Sömmerda. Als die Greizer Mannschaft mit dem Bus unter der Triptiser Autobahnbrücke durchfuhr, konnte sie das Ende der Schlange der an der Grenze in Rudolphstein auf die Ausreise wartenden Fahrzeuge, in zirka 100 Meter Entfernung erkennen. Einige Mannschaften mussten während dieser Zeit zum Wettkampf am Wochenende auf den einen oder anderen Sportler verzichten. In Greiz fehlte keiner.

Die Greizer fuhren geschlossen zum Wettkampf. Als erste deutsche Ringermannschaft trafen die Jugendlichen einen Tag vor Heiligabend 1989, im Vorkampf zum Bundesligavergleich, auf den Nachwuchs des SV Johannis Nürnberg 07. Im Anschluss daran konnte erstmals das unvergleichliche Fluidum eines Kampfes der Zweiten Bundesliga erlebt werden. Im Schneetreiben der ersten Stunden des Heiligabends fuhr die Karawane, bestehend aus acht Trabis und einem durchgerosteten B 1000, den ein Anhänger des Vereins kostenlos bereitgestellt hatte, über die nun seit null Uhr für BRD-Bürger ohne Visum passierbare Grenze.

Heute, wo es doch des öfteren Konflikte zwischen „Wessis“ und „Ossis“ gibt, sei daran erinnert, dass zum Beispiel in dieser Nacht auf dem ersten Parkplatz hinter der Grenze Schleizer Bürger, die sich für die herzliche Aufnahme nach der Grenzöffnung in der BRD bedanken wollten, die in dieser Nacht einreisenden BRD-Bürger kostenlos mit Thüringer Rostbratwürsten bewirteten.

Aber auch bei Vergleichen der Männermannschaften mit Mannschaften aus der Bundesrepublik war Greiz die erste Mannschaft. Im Januar 1990 fand als erster deutsch-deutscher Männervergleich der Kampf des deutschen Rekordmeisters ASV Heros Dortmund gegen die BSG Rotation Greiz statt. Die Greizer Ringer revanchierten sich dabei für die Niederlage im Kampf um die Deutsche Meisterschaft in den fünfziger Jahren. Nach diesem Kampf trat einer der stärksten Greizer Ringer, Fliegengewichtler Carsten Grimm, die Heimreise nicht mit an. Er blieb bis heute der einzige Greizer Stammringer, der nach der Wende in den Westen wechselte, ohne zu DDR-Zeiten einen Ausreiseantrag gestellt zu haben.

Ob Carsten sein Glück in Dortmund, deren Ringermannschaft im Vorjahr drei Klassen zurückgestuft wurde, gefunden hat, muss sich erst noch bestätigen. Ringerisch ist in der Greizer Jahnturnhalle heute sicherlich mehr los, als in der vom Fußball geprägten Ruhrgebietsmetropole.

Auch ohne Carsten Grimm belegten die Greizer in der Südstaffel der Freistiloberliga Platz zwei, und kamen gegen den Nordmeister BSG Motor Wamowwerft Warnemünde ins Halbfinale. Schon in Warnemünde wurde der zweifache DDR-Meister mit 28:7 Punkten klar besiegt.
Leider erfuhr die Bevölkerung wenig davon, dass eine Greizer Mannschaft schon mit einem Fuß im Finale der DDR-Meisterschaft stand, denn der Sportbericht im SED-Parteiblatt „Volkswacht“ erschien erst nach dem Rückkampf in Greiz, und war auf zwei Sätze zusammengestrichen.

Auch im Rückkampf wurde klar gewonnen, und nun hieß der Gegner im Finale der DDR-Mannschaftsmeisterschaft BSG Stahl Hennigsdorf. In Hennigsdorf wurde mit 14:25 Punkten verloren. Am Ende fehlten den Greizern nach einem 21:16,5 Heimsieg nur wenige Punkte zum DDR-Meistertitel. Doch auch die Vizemeisterschaft, die erste Mannschaftsmeisterschaftsmedaille, war ein großer Erfolg für die Greizer Mannschaft.
In einer Zeit, in der die Sportler scharenweise in den Westen abwanderten, gelang es Rotation als einziger Ringermannschaft der DDR, neue Sportler, auch ohne große Versprechungen finanzieller Art an sich zu binden.

Die jahrzehntelange gute Arbeit der Greizer Leitung trug erste Früchte. Aus einem Abstiegskandidaten war ein Finalist geworden. Der vom Greizer Korrespondenten als Schlagzeile eingereichte, aber von der Lokalpresse nicht gedruckte Slogan: „Alle reden von Krise, wir nicht“, hätte den Nagel auf den Kopf getroffen.

Das Jahr 1990 stand im Zeichen des deutsch-deutschen Sportverkehrs. Erstmals seit Abbruch der Beziehungen im August 1961 war es den Sportlern aller Sportarten bis hinunter zur untersten Leistungsklasse möglich, mit Sportlern aus dem anderen Teil Deutschlands Vergleiche auszutragen.
Doch bei den leistungsorientierten Greizer Ringern wich die Freude wie bei vielen anderen Mannschaften bald einer großen Enttäuschung. Zu ungleich waren die Bedingungen: Die sportlichen Vergleiche wurden meist als Hin- und Rückkampf ausgetragen. Während die Betriebssportgemeinschaften vom zusammenbrechenden sozialistischen Sportsystem oftmals kaum noch Unterstützung bekamen, wurden die durchweg vermögenden Vereine aus dem Westen massiv von staatlicher Seite und den Landessportbunden unterstützt.
Die Kosten für Unterkünfte der Sportler aus dem Osten nebst einem bestimmten Tagessatz pro Sportler wurden übernommen, auch für den Bus zur Ringkampfverpflichtung im Osten waren Gelder da.
Die Kämpfer aus den neuen Bundesländern dagegen mussten viele Mittel selbst aufbringen und wurden, oftmals schon arbeitslos oder mit dunklen persönlichen Zukunftsaussichten, aufnahmebereit für teilweise aus der Luft gegriffene Versprechungen.

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