27. Juni 2019

RSV Rotation Greiz: Auch gegen den deutschen Meister das Gesicht gewahrt

Der Kampf des RSV Rotation Greiz gegen SV Wacker Burghausen endet mit 7 :20

GREIZ. Am Ende herrschte großer Jubel, die Zuschauer sangen „RSV, oleh, oleh!“ Dabei hatte der RSV Rotation Greiz im letzten Saisonkampf gegen den deutschen Mannschaftsmeister SV Wacker Burghausen gerade deutlich mit 7:20 Punkten verloren.
Zur Halbzeit hatte es beim Zwischenstand von 0:16 noch nach einer weitaus höheren Niederlage ausgesehen. Die Greizer zeigten aber gegen den Titelverteidiger Moral und gewannen die letzten drei Kämpfe. Mit einem phantastischen Publikum im Rücken, das, trotzdem hauptsächlich zu Beginn des Kampfes nicht alles nach Plan lief, ihr Team lautstark unterstützte, zog sich die Mannschaft selbst an den Haaren aus dem Sumpf.
Vor allem zum Greizer Publikum sollte man noch einige Worte verlieren. Wieder wurden mit 612 Zuschauer die meisten Besucher der Bundesliga in Greiz gezählt. Nach der Vorrunde kann man mit Fug und Recht von Greiz als der „deutschen Ringkampfhauptstadt“ sprechen.
Natürlich werden die Besucherzahlen bei der Endrunde nach oben schnellen, Eindruck haben die in allen Bereichen gut organisierten Ringkampfveranstaltungen in Greiz, auch durch die Qualität der angebotenen Speisen und Getränke, aber auf jeden Fall hinterlassen.
Die Roster der Fleischerei Malz von der Oßwaldstraße und das Bier der Vereinsbrauerei Greiz sind nun auch in Bayern ein Begriff.
Der Vorstand des RSV Rotation Greiz bedankt sich an dieser Stelle bei den vielen ehrenamtlichen Helfern sowie den Sponsoren, die Veranstaltungen auf diesem Niveau erst möglich machen.

Der Tabellenführer aus Oberbayern ging als Favorit ins Rennen. Als feststehender Staffelsieger hätte man sich aber eine Niederlage leisten können und wäre trotzdem in den Lostopf der Gruppenersten gekommen. Wer gedacht hatte, die Burghausener würden mit einer schwachen Mannschaft zu diesem nur noch die Statistik betreffenden Duell anreisen, sah sich getäuscht. Zwar besetzte Trainer Eugen Ponomartschuk, im Vorkampf in der 86 kg-Klasse noch selbst aktiv, nur zwei Ausländerplätze, hatte aber drei amtierende deutsche Meister (Benjamin Sezgin, Ramsin Azizsir, Eric Thiele) und zwei Vizemeister (Andreas Maier, Michael Widmayer) im Team.
Dazu kam noch der DM-Dritte und U23-EM-Fünfte Johann Steinforth. Man konnte den Eindruck haben, dass die Gäste eine Woche vor Beginn der Endrunde um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft noch einmal alle Sportler testen wollten.
Wahrscheinlich wären auch der deutsche Meister Fabian Schmitt (57 kg) und der Vizemeister Maximilian Lukas (80 kg) auf die Matte gegangen, hätten sie nicht an leichten Blessuren gelitten.

Da der RSV sich bei der Besetzung der leichtesten Gewichtsklasse bekanntermaßen im griechisch-römischen Stil verplant hatte, kam in der Rückrunde der sechzehnjährige Greizer Nachwuchsringer Maximilian Böttger (57 kg/g) zu seinem vierten Einsatz. Allerdings konnte er das Gewichtslimit von 57 kg nicht erreichen. Die Punkte gingen also bereits auf der Waage verloren. Im Freundschaftskampf ging sein drei Jahre älterer Gegner Erwin Kobsar 7:0 in Führung und alles sah nach einer klaren Niederlage aus. Doch der Greizer zeigte, was in ihm steckt und kam am Ende unter dem Jubel der Zuschauer beim 8:8 sogar noch zum Sieg. Auch wenn der Siegpunkte nicht in das Mannschaftsergebnis einfloss, sollte dieser Kampf Auftrieb geben. (Mannschaftsstand: 0:4)

Ein neues Gefühl für Magomedgadji Nurov (130 kg/f). Nach der roten Karte des Neu-Slowaken Soslan Gagloev im letzten Kampf brachten die Gäste Eric Thiele in der schwersten Kategorie. Erstmals hatte Nurov, der für seinen abwartenden Start bekannt ist, nun keinen schwereren, sondern sogar einen leichteren Widersacher als Gegner, denn der Braunsbedraer brachte nur ganze 92 kg auf die Waage. Der Kampf nahm einen überraschenden Verlauf, denn Thiele ging nach 45 Sekunden nach einem Wurf 4:1 in Führung. Nun musste der Greizer angreifen, Thiele parierte in überzeugender Manier aber alle Beinangriffe und baute seine Führung auf 8:1 aus. Vor der Pause klappte dann endlich ein Beinangriff von Nurov: 3:8. Die zweite Halbzeit ging erst einmal an Nurov, der einen Beinangriff mit einem Wurf über die Brust mit einer Viererwertung zum 7:9 abschloss und unter ohrenbetäubendem Jubel nach einem weiteren Beinangriff 9:9 in Führung ging. Eine halbe Minute vor Schluss dann die Entscheidung in einem hochklassigen Kampf internationaler Spitzenringer: Beinangriff Thiele, Nurov entzieht sich der Sache durch Verlassen der Matte, landet aber mit dem verlängertem Rücken – mit dem Rücken zur Matte geneigt – gerade noch auf der Mattenumrandung an der Grenze zum Fußboden. Für die Greizer Zuschauer war die Sache klar, Wertung 1 wegen Verlassens der Kampfzone. Der erfahrene Kampfrichter Georg Goczol aus dem Saarland hielt allerdings vier Finger in die Höhe. Lautstarke Missfallensbekundungen erschütterten die Halle, selbst die Trommeln protestierten. Der Kampf war damit gelaufen, er endete 9:13.
Der Kampfrichter und Teile des Greizer Publikums wurden bis zum Ende des Kampfabends keine Freunde mehr. (0:6)

Auch der dritte Versuch von Vladimir Codreanu (61 kg/f) den Mazedonier Vladimir Egorov zu bezwingen schlug fehl. Bereits im Vorjahr, als Codreanu in Pausa kämpfte, unterlag er. Nun trafen sie erstmals im 61 kg-Limit aufeinander. Mit der Einbürgerung fremder Sportler hat Deutschland schon in den 90-er Jahren Erfahrungen gesammelt. Auch wenn das viele nicht hören wollen, ist der Umgang mit Gesetzlichkeiten nicht überall gleich auf der Welt. Die damals in vielen Sportarten in Deutschland eingebürgerten Sportler mussten nachweisen, ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland verlegt zu haben. Dabei waren sie gezwungen, auf ihre gewohnten Trainingsbedingungen zu verzichten und erreichten teilweise nie wieder ihre früheren Leistungen. In anderen Ländern sieht man das entspannter. Die Sportler starten zwar für eine andere Nation, leben und trainieren aber weiter in ihrer angestammten Umgebung. So auch der Neu-Mazedonier (und damit EU-Bürger) Vladimir Egorov, der noch immer im sibirischen Jakutsk lebt – nicht weit vom Kältepol der Erde entfernt. (Um hier nicht missverstanden zu werden: Das ist in keiner Weise als Kritik am Einsatz von Sportlern anderer Vereine zu sehen, aber als Information gedacht für Leute, die Eintritt in Ringerhallen bezahlen und wissen sollten, wie die Verhältnisse sind. Übrigens verhält es sich beim Greizer Magomedgadji Nurov ähnlich.) Vladimir Codreanu ging vorsichtig zu Werke, lag bis zur fünften Minute nur 0:2 zurück. musste aber beim Versuch, das Ergebnis zu wenden, den Konter zum 0:5 hinnehmen. (0:8)
Auch der wie in allen Rückrundenkämpfen eine Gewichtsklasse höher startende Thomas Leffler (98 kg/g) hatte mit dem deutschen Meister Ramsin Azizsir einen überragenden Gegner. Der bei der Sportfördergruppe der bayerischen Polizei unter günstigen Bedingungen trainierende ehemalige WM-Fünfte und EM-Dritte war physisch klar überlegen und drängte den Greizer im Standkampf viermal von der Matte. Aber erst im angeordneten Bodenkampf konnte er seine Klasse voll ausspielen und kam in der vierten Minute gegen einen Greizer, der alles tat, was möglich war, zum 16:0 Sieg. (0:12)
Auch der Greizer Nachwuchssportler Dustin Nürnberger (66 kg/g) bot dem Vizemeister Andreas Maier, einem Burghausener Eigengewächs, lange Paroli, war aber am Ende der fünften Minute beim 1:17 mit seinem Latein am Ende. (0:16)

Der erste Kampf nach der Pause war eine Neuauflage des Halbfinalkampfes der letzten deutschen Meisterschaft. Martin Obst (86 kg/f) hatte damals kurz vor Schluss eine 30-Sekunden-Strafe erhalten, war gezwungen anzugreifen, wurde gekontert und unterlag. Er fuhr als DM-Dritter trotzdem zur EM und gewann als bester deutscher Freistilringer Silber. Nun die Neuauflage dieses Kampfes gegen Benjamin Sezgin und die Duplizität der Ereignisse. Der Greizer ging zwar nach einer Angriffsaktion 1:0 in Führung, erhielt dann aber eine 30-Sekundenstrafe und nun lag er beim 1:1 50 Sekunden vor Schluss wieder zurück. Jetzt musste der Greizer gegen einen sich verteidigenden Gegner angreifen. Der erste Angriff schlug fehl:1:3. Noch 30 Sekunden. Eine Zweierwertung musste her. Martin Obst versuchte es mit einem Wurf über die Brust, geriet aber selbst in die Unterlage und unterlag mit 1:5. (0:18)

Vladimir Gotisan (71 kg/f) traf auf einen besonderen Ringer. Sein Gegner nennt sich Cengizhan Erdogan und kämpft seit dem Vorjahr für die Türkei. Sein Vorname ist die türkische Form des im Deutschen gebrauchten Dschingis Khan. Der Khan der Mongolen gleichen namens eroberte im 13.Jahrhundert weite Teile Zentralasiens. Geboren wurde der Burghausener allerdings 1987 in der damaligen Autonomen Tuwinischen Sowjetrepublik, die die Sowjets 1921 von China erobert hatten, mit dem Namen Opan Sat. Diese Gebiet grenzt an die Mongolei ist von Völkern bewohnt, bei denen der Ringkampf Volkssport ist. Opan Sat wurde für Russland dreimal Europameister, kämpft aber nun seit 2017 für die Türkei. Vladimir Gotisan – übrigens als Gagause auch Vertreter eines Turkvolkes – ging zwar 1:0 in Führung, dann bestimmte aber nur noch Erdogan das Geschehen auf der Matte und siegte am Ende mit 6:1.

Das Mannschaftsergebnis begann beim 0:20 schon langsam katastrophale Formen anzunehmen. Doch jetzt kam Toni Stade (80 kg/g), der beim Kampf gegen den Pausaer WM-Dritten Gevorg Sahakyan seinen besten Kampf geliefert hatte. Der Vertreter des deutschen Vizemeisters Maximilian Lukas, der 20 jährige Dominik Ratz, wurde vollständig überrascht. Mit dem Anpfiff des Kampfrichters drehte sich der Greizer zum Kopf-Hüft-Schwung ein und wurde bereits nach sieben Sekunden zum Schultersieger erklärt. Wahrscheinlich der kürzeste Schultersieg des Bundesligajahres. (4:20)

Der Kampf zwischen den international erfahrenen und taktisch klug kämpfenden Dawid Karecinski (75 kg/g) und dem deutschen Vizemeister Michael Widmayer schien offen. Wieder einmal entschied der Bodenkampf im griechisch-römischen Stil über Sieg und Niederlage. Dem polnischen EM-Fünften gelangen im angeordneten Bodenkampf zwei Rollen, Widmayer musste bei gleicher Gelegenheit passen. Dawid Karecinski siegte so mit 6:1 Punkten. (6:20)

Im Vorkampf hatte Burghausen für den Magdeburger Johann Steinforth wegen dessen U 23-EM-Start einen Nachholekampf beantragt, der dann auf Grund des klaren Resultates nicht ausgetragen wurde. Nun galt es für Daniel Sartakov (75 kg/f) im letzten Kampf der Saison auch gegen diesen Recken, der bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr über ideale Trainingsbedingungen verfügt, zu bestehen. Der Greizer gehört zu den fünf besten Ringern der Staffel Südost, hatte bisher nur einen Kampf verloren. Mit einer überzeugenden Leistung wollte er einen Schlusspunkt hinter diese Saison setzen. Der Magdeburger ging in einem von beiden Kontrahenten trotz deren Schnelligkeit sehr vorsichtig geführten Kampfes 1:0 in Führung. Der Greizer glich nach der Pause aus, geriet aber mit 1:2 wieder in Rückstand. Doch eine halbe Minute vor Schluss der Saison für die Greizer Bundesligamannschaft gelang Daniel Sartakov mit einem Beinangriff beim 2:2 die Führung, die er nicht mehr abgab. Die Greizer Mannschaft hatte sich gegen den deutschen Meister SV Wacker Burghausen wacker geschlagen und mit 7:20 doch noch ein achtbares Resultat erzielt.

Der Aufsteiger RSV Rotation Greiz landete mit 10:14 Punkten auf dem vierten Platz der Staffelm Südost. Der in der Hauptrunde ungeschlagene Titelverteidiger aus Burghausen erwartete sehnsüchtig die Auslosung für die Endrundenkämpfe. Da mussten sich die Oberbayern aber in Geduld üben, denn in Greiz hatte wegen der im Anschluss stattfindenden Jahresabschlussfeier der Kampf bereits um 18 Uhr begonnen. Bei der Vorverlegung des Wettkampfes war den Verantwortlichen des Deutschen Ringer-Bundes allerdings mehr als ein Lapsus widerfahren. Die Genehmigung zur Kampfverlegung hatten zwar die Vereine und der Kampfrichter erhalten, diese war allerdings nicht in der offiziellen Liga-Datenbank des Verbandes aufgetaucht. Zum Glück hatten die Mehrzahl der Besucher allerdings von der Verlegung erfahren. So war auch das Fernsehteam des Mitteldeutschen Rundfunks rechtzeitig erschienen, das allerdings erst in letzter Minute von der Verlegung erfahren hatte.

Statistik:

Zuschauer: 612
Kampfrichter Georg Goczol

57kg Greco: Maximilian Böttger, RSV Rotation Greiz gegen Erwin Kobsar, SV Wacker Burghausen – 0:4/ÜG/8:8/06:00
61kg Freistil: Vladimir Codreanu, RSV Rotation Greiz gegen Vladimir Egorov, SV Wacker Burghausen – 0:2/PS/0:5/06:00
66kg Greco: Dustin Nürnberger, RSV Rotation Greiz gegen Andreas Maier, SV Wacker Burghausen – 0:4TÜ/1:17/04:18
71kg Freistil: Vladimir Gotisan, RSV Rotation Greiz gegen Cengizhan Erdogan, SV Wacker Burghausen – 0:2/PS/1:6/06:00
75Akg Greco: Dawid Karecinski, RSV Rotation Greiz gegen Michael Widmayer, SV Wacker Burghausen – 2:0/PS/6:1/06:00
75Bkg Freistil: Daniel Sartakov, RSV Rotation Greiz gegen Johann Christoph Steinforth, SV Wacker Burghausen – 1:0/PS/2:2/06:00
80kg Greco: Toni Stade, RSV Rotation Greiz gegen Dominik Ratz, SV Wacker Burghausen – 4:0/SS/4:0/00:07
86kg Freistil: Martin Obst, RSV Rotation Greiz gegen Benjamin Sezgin, SV Wacker Burghausen – 0:2/PS/1:5/06:00
98kg Greco: Thomas Leffler, RSV Rotation Greiz gegen Ramsin Azizsir, SV Wacker Burghausen – 0:4/TÜ/0:16/03:45
130kg Freistil: Magomedgadji Nurov, RSV Rotation Greiz gegen Erik Thiele, SV Wacker Burghausen – 0:2/PS/9:13/06:00

Erhard Schmelzer @16.12.2018

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