Greizer Ringer trauern um Siegfried Lippke

Siegfried Lippke * 17.01.1956 - † 05.01.2020
Siegfried Lippke * 17.01.1956 - † 05.01.2020

Siegfried Lippke gehörte zu den erfolgreichsten Ringern die aus dem Greizer Ringerverein hervorgegangen sind. Als zweitjüngster von fünf Brüder, die sich alle mit dem Ringkampfsport beschäftigten, kam er fast zwangsläufig zu dieser Sportart.

Mit dem Training begann der 1956 Geborene an seiner Schule in Greiz-Irchwitz bei Rainer Wirth. Der zu dieser Zeit noch aktive Ringer Rainer Wirth hatte in Karl-Marx-Stadt Pädagogik studiert und als Sportlehrer den damals ersten Trainingsstützpunkt außerhalb der Jahnturnhalle vom neunmaligen DDR-Meister Kurt Hoffmann übernommen.
Siegfried Lippke konnte schon bald durch seine sportlichen Leistungen auf sich aufmerksam machen, so dass er 1969 auf die Sportschule des SC Motor Jena delegiert wurde, die damals in Bad Blankenburg angesiedelt war.

Kurzer Abriss der sportlichen Entwicklung von Siegfried Lippke und anderer Greizer Ringer von 1969 bis 1981

Von 1969 bis 1981 war Siegfried Lippke leistungssportlich aktiv. Die folgende kurze Übersicht soll seine sportliche Entwicklung kurz darstellen und der verehrten Leserschaft mitteilen, wer zu dieser Zeit aus Greiz auf DDR-Ebene ebenfalls noch erfolgreich war.

1969: Bei seiner ersten Teilnahme an einer DDR-Meisterschaft belegte er 1969 bei den Schülern den vierten Platz in der Klasse bis 36 kg. Sein ebenfalls nach Bad Blankenburg gekommener Trainingskamerad aus der Irchwitzer Schule Ulrich Gäbelein wurde bei diesen Wettkämpfen in der Klasse +65 kg erstmals deutscher Meister. Volkmar Meißel (56 kg) wird als Jenaer Sportschüler Vierter bei der B-Jugend im griechisch-römischen Stil.

1970: Ein Jahr später gewann Siegfried, der wie alle anderen nach Jena bzw. nach Bad Blankenburg geschickten Greizer Jugendlichen im freien Ringkampf ausgebildet wurde, mit Bronze seine erste Meisterschaftsmedaille auf nationaler Ebene und zwar bei seinem einzigen Start im griechisch-römischen Stil.

1971: Bei der B-Jugend erkämpfte Siegfried Lippke die Silbermedaille in der 48 kg-Klasse. Der ein Jahr ältere Ulrich Gäbelein, der im Jahre 2016 verstarb und bis 1972 Leistungssport betrieb, wo er als A-Jugendlicher aufhorchen ließ, als er Junioren-Vizemeister und bei den Männern (82 kg) Fünfter wurde, erkämpfte den Meistertitel in der 75 kg-Klasse der B-Jugend. Ulrich Gäbelein wurde dreimal DDR-Meister und viermal Zweiter. Der nach einer Knieverletzung von der Sportschule Jena nach Greiz zurückgekehrte Volkmar Meißel (65 kg) wird bei der A-Jugend-Vizemeister. Udo Schmidt (+65 kg) wird Schülermeister.

1972: Siegfried Lippke wird hinter dem späteren Olympiateilnehmer von 1980 und Vizeeuropameister Reinhold Steingräber vom Armeesportclub Rostock Zweiter bei der B-Jugend in der 56 kg-Klasse. Bei der gleichen Meisterschaft startet erstmals ein weiterer Sportler aus Greiz. Die Familie Lippke wohnte zu dieser Zeit in Greiz-Schönfeld Am Zehntenfeld. Im Nachbarhaus wohnte die Familie Neupert mit ihren vier Jungen. Die Jugendlichen wuchsen im ständigen Kontakt auf. Der 1956 geborene Uwe Neupert begann allerdings erst später mit dem Ringkampf und besuchte keine Sportschule. Für die BSG Rotation Greiz startete er 1972 erstmals bei DDR-Meisterschaften und landete in der 60 kg-Klasse auf Rang sechs. Bei der A-Jugend, zu dieser Zeit war es in der DDR möglich bei nachgewiesener Leistungsstärke auch eine Altersklasse höher an den Start zu gehen, kam Siegfried Lippke auf Platz sechs. Andreas Kuhrau (65 kg) wird Vizemeister bei den Schülern.

1973: Bei den B-Jugendmeisterschaften kann Siegfried Lippke wegen einer Verletzung nicht starten, belegte aber bei der A-Jugend Platz vier und macht mit einem fünften Platz (62 kg) bei den Junioren auf sich aufmerksam. Der bisher in Greiz aktive Erhard Schmelzer, der jetzt in Leipzig arbeitet, hat sich Traktor Taucha angeschlossen und wird Sechster in der 100 kg-Klasse bei den Männern.

1974: Der bisher größte Erfolg. Siegfried Lippke wird in der 65 kg-Klasse der A-Jugend erstmals DDR-Meister. Bei der B-Jugend wird er Vizemeister (70 kg) hinter dem Hallenser Jörg Hepach. Erhard Schmelzer (90 kg) wird bei den Männern Sechster. Andreas Mattern (60 kg) wird Vierter bei der B-Jugend. Michael Heppner (60 kg) wird DDR-Schülermeister.

1975: Bei einer DDR-Meisterschaft trifft Siegfried Lippke erstmals auf den siebenfachen Meister Eberhard Probst, der aus Merseburg zum SC Chemie Halle kam. Der Kampf um die Goldmedaille im 68 kg-Limit endet mit einem Sieg des Hallensers, der danach bei der Junioren-WM die Silbermedaille gewinnt. Fünfter wird mit A-Jugendmeister Harald Gräfe ein weiterer aus Greiz stammender Sportler, der für den SC Motor Jena aktiv ist und ebenfalls in Irchwitz mit dem Ringen begonnen hatte. Uwe Neupert (82 kg) wird, jetzt ebenfalls für den SC Motor Jena startend, hinter dem Hallenser Bernd Radschunat Zweiter. Bei der A-Jugend erkämpft er sich den ersten von 15 DDR-Meistertiteln, Andreas Mattern (65 kg) holt Bronze.

1976: Bei den Juniorenmeisterschaften erkämpft sich Siegfried Lippke in der 68 kg-Klasse seinen zweiten DDR-Meistertitel. Hinter dem Leipziger Uwe Neumeister erringt mit Andres Mattern ein weiterer aus Greiz stammender Sportler für Jena die Bronzemedaille. Andreas Mattern wird auch Vizemeister bei der A-Jugend (65 kg) und Siebenter bei den Männern (68 kg). Uwe Neupert wird erstmals DDR-Juniorenmeister (90 kg) und erkämpft bei der Europameisterschaft sensationell die Silbermedaille.
Bei den DDR-Männermeisterschaften in Jena wird Siegfried Lippke im Finale der 68 kg-Klasse vom Hallenser Eberhard Probst bezwungen. Probst ist einer der erfolgreichsten Ringer der DDR. Bei der EM 1976 wird er Dritter und bei den Olympischen Spielen kommt er auf Rang acht. Andreas Mattern wird bei den DDR-Meisterschaften Siebenter im 68 kg-Limit. In der 90 kg-Klasse wird Uwe Neupert „nur“ Dritter. Die Entscheidung über die Medaillen fiel hauchdünn aus. Der spätere Meister aus Luckenwalde Harald Büttner, der Zweite Detlef Friedchen (SC Chemie Halle) und Uwe Neupert hatten sich gegenseitig besiegt. In der schwersten Gewichtsklasse wird mit dem nun für die BSG Wismut Aue startenden Erhard Schmelzer ein weiterer Greizer Vierter. Michael Hepner (70 kg) wird Vizemeister bei der B-Jugend.

1977: Bei den DDR-Meisterschaften der Männer in Halle-Neustadt wird Siegfried Lippke im Finale der 68 kg-Klasse wieder nur vom Hallenser Eberhard Probst bezwungen. Hinter Siegfried Lippke kommt sein Jenaer Vereinskollege Erhard Pocher auf Rang drei. Andreas Mattern wird hier diesmal Neunter. In der 90 kg-Klasse wird Uwe Neupert erstmals Meister bei den Männern. Erhard Schmelzer (+100 kg) kommt wieder auf Rang vier.

1978: Auch bei den Meisterschaften in Luckenwalde ist Eberhard Probst in der 68 kg-Klasse nicht zu bezwingen. Siegfried Lippke holt Silber vor dem Leipziger Roberto Hünich. Uwe Neupert (90 kg) verteidigt seinen Meistertitel erfolgreich. Erhard Schmelzer (+100 kg) erkämpft für Aue die Bronzemedaille. Michael Hepner (75 kg) wird Vizemeister bei der A-Jugend, während der nun ebenfalls für Jana startende Peter Neupert, der jüngere Bruder von Uwe Neupert, in der 52 kg-Klasse Fünfter wird.

1979: Wieder ist Halle-Neustadt der Austragungsort der Männermeisterschaften und wieder ist in der 68 kg-Klasse kein Vorbeikommen an Eberhard Probst. Siegfried Lippke sichert sich wieder Silber vor dem Hallenser Reiner Olschak und den Leipzigern Reinhard Grütmaker und Andreas Roßbach. Uwe Neupert wird wiederum DDR-Meister und Erhard Schmelzer kommt auf Rang vier.

1980: Bei den DDR-Meisterschaften in Jena kann Siegfried Lippke auf Grund einer Verletzung nicht antreten. Meister in der 68 kg-Klasse wird zum sechsten mal in Folge Eberhard Probst. Auf den zweiten Platz kommt diesmal der Leipziger Uwe Neumeister. Uwe Neupert (90 kg) holt seinen vierten Meistertitel bei den Männern. Erhard Schmelzer (+100 kg) wird Dritter.

1981: Das verflixte siebente Jahr. Der Olympiafünfte von Moskau 1980 Eberhard Probst verpasst seine siebente Meisterschaft in Folge. Doch diesmal ist der vierfache Vizemeister Siegfried Lippke nicht zur Stelle. Meister wird der Junioren-WM-Fünfte von 1979 Roberto Hünich aus Leipzig, der Probst im Finalkampf bezwingt. Siegfried Lippke kommt hinter dem Leipziger Uwe Mauksch, der im gleichen Jahr Dritter bei der Junioren-WM wird, auf Platz vier. Uwe Neupert (90 kg) lässt seiner Sammlung von Goldmedaillen bei DDR-Meisterschaften eine weitere folgen. Erhard Schmelzer (+100 kg) wird Vizemeister im freien Stil und Sechster im griechisch-römischen Stil.

(Ich hoffe alle relevanten Ergebnisse erfasst zu habe. Falls jemand einen Fehler oder Auslassungen festgestellt hat, bitte ich dies kundzutun. Erhard Schmelzer)

Siegfried Lippke beginnt Trainerlaufbahn

Für Siegfried Lippke, der in Jena hauptsächlich von Joachim Raupach trainiert wurde, sollte die Meisterschaft 1981 die letzte seiner Laufbahn sein an der er aktiv teilnahm. Das jahrelange Training im Leistungssport forderte seinen Tribut. Gleichzeitig hatten junge Sportler zur Spitze aufgeschlossen denen man bessere Entwicklungschancen einräumte. Siegfried Lippke war ein hervorragender Ringer, der aber das Pech hatte einen Ausnahmekönner vor sich zu haben, dem es gelang viermal Medaillen bei Welt- und dreimal bei Europameisterschaften zu gewinnen. Eberhard Probst blieb in der DDR bis 1984 die Nummer Eins in der Gewichtsklasse bis 68 kg. Danach beendete er seine sportliche Laufbahn, wurde aber 1985 in der Klasse bis 74 kg noch einmal Meister. Seinen langjährigen Konkurrenten Siegfried Lippke sieht er im Rückblick so: „Siegfried Lippke hatte im ringerischen Bereich große Stärken. Meine Erfolge gegen ihn waren manchmal sehr knapp. Jahrelang waren wir zusammen bei internationalen Turnieren unterwegs. Dabei hat er oftmals Gegner besiegt, bei denen ich nicht sicher war, ob ich sie bezwungen hätte.“

Siegfried Lippke hatte in Jena das Abitur abgelegt und beendete nach dem Abschluss seiner sportlichen Laufbahn sein Studium an der Erfurter Außenstelle der Deutschen Hochschule für Körperkultur Leipzig als Trainer, das er mit dem Diplom abschloss. Nach dem Ende seines Studiums war er beim Sportclub Motor Jena als Trainer tätig. Damals wurde an der Sportschule Jena jährlich eine separate Ringerklasse aufgenommen. Ausgebildet wurden die Klassen 8 bis 13 jeweils im Klassenverband. Hier war er bis zur Wende als hauptamtlicher Trainer tätig. Als nach den politischen Veränderungen in Deutschland die meisten Trainerstellen gestrichen wurden, kehrte er 1992 nach Greiz zurück.
Hier arbeitete er im Dienstleistungsbereich und war über Fördermaßnahmen als Trainer im Nachwuchs- und zeitweise auch im Männerbereich tätig. Im Frühjahr 2019 beendete er aus gesundheitlichen Gründen seine Tätigkeit beim RSV Rotation Greiz.
Am 5.Januar 2020 verstarb Siegfried Lippke im Alter von 63 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit. Er war geschieden und hinterlässt eine erwachsene Tochter.
Der RSV Rotation Greiz wird sein Andenken in Ehren halten.

Erhard Schmelzer

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