2.Bundesliga Nord: RSV Rotation Greiz gegen AC 1897 Werdau

Als 15-Jähriger in der Greizer Männermannschaft – später der erfolgreichste Freistilringer der DDR

Die so unterschiedlichen Sportarten Leitathletik und Ringen haben einige Gemeinsamkeiten. In fast allen Ländern der Welt werden sie von einer großen Anzahl von Leuten betrieben. Seit 2004 in Athen starten auch Frauen bei Olympischen Spielen im Ringen. Bei den in Thüringen so erfolgreichen Wintersportarten sind im Gegensatz dazu die Teilnehmerzahlen der an den Start gehenden Nationen weitaus überschaubarer.
Bei den unlängst zu Ende gegangenen Weltmeisterschafte der Leichtathleten haben die deutschen Starter lediglich zwei Medaillen erkämpft. Bei den Ringern gelang zwar 2021 der Gewinn einer Weltmeisterschaftsmedaille im freien Stil (Bronze durch Horst Lehr aus Schifferstadt). Davor gab es aber eine 21 jährige Durststrecke zu überwinden. Letzter Medaillengewinner davor war Alexander Leipold, der jetzige Vizepräsident des Ringerbundes, der im Jahre 1999 die Silbermedaille erkämpfte. Man muss kein DDR-Nostalgiker sein um sich an große Erfolge Thüringer Sportler zu erinnern. Es gab einmal eine Zeit, da sah die internationale Statistik völlig anders aus. In der Leichtathletik erkämpften die Aktiven des SC Motor Jena mehr WM-Medaillen als die gesamte Nationalmannschaft im Jahre 2022.
Bei den Freistilringern sei an das magische Jahr 1978 erinnert. Uwe Neupert (90 kg) und Harald Büttner (100 kg) besiegten im WM-Finale in Mexiko die favorisierten sowjetischen Ringer und wurden Weltmeister für die DDR. Der Jener Hartmut Reich (52 kg) holte Silber, Roland Gehrke (Luckenwalde/über 100 kg) wurde Dritter, was in der Nationenwertung den zweiten Rang einbrachte. Der Freiburger Adolf Seger (82 kg) erkämpfte Silber für die Bundesrepublik, die durch weitere gute Platzierungen in der Mannschaftswertung den sechsten Platz belegte.
Für den am 5. August 1957 in Greiz geborenen Uwe Neupert war es mit 21 Jahren bereits der zweite Medaillengewinn bei den Senioren, ein Jahr zuvor als Junior hatte er mit dem Gewinn der Silbermedaille für Aufsehen gesorgt. Dabei hatte er erst spät mit dem Ringkampfsport begonnen. 1972 hatte ihn ein Schulfreund mit zum Ringertraining in die Jahnturnhalle genommen. Dort hatte nach einigen Problemen beim Männertraining mit Aladar Hepner ein sehr erfahrener Freistilringer die Arbeit mit der Jugend übernommen. Hepner hatte Anfang der 60-ziger Jahre das Freistilringen beim Sportclub Leipzig erlernt, war DDR-Meister geworden und hatte nun einen trainingsfleißigen und aufnahmebereiten Schüler gefunden. Zu der Zeit war die große Zeit im Greizer Ringkampfsport mit zwei Mannschaftsmeistertiteln schon lange vorbei und es gab immer Lücken in der Aufstellung bei den Mannschaftskämpfen. So musste auch der 15-jährige Neuling oftmals bei den Männern aushelfen. 1974 beendete er seine Schulzeit an der Lessingschule in Greiz und bereitete sich auf eine Lehre als Kfz-Mechaniker vor. Bei einem Mannschaftskampf der Greizer gegen die zweite Vertretung aus Jena hatte Uwe einen zwei Jahre älteren Sportschüler besiegt, was ihm die Aufmerksamkeit des Jenaer Trainers Peter Gründig einbrachte, der ihn zum Sportclub nach Jena holen wollte. Doch das schien ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, die Aufnahmeanträge des Greizers waren schon dreimal abgelehnt wurden. Ursache: Die Mutter von Uwe war aus Karlsruhe nach Greiz gezogen, Großvater und Großmutter lebten beim Klassenfeind, da war im DDR-Leistungssportsystem kein Platz. Der spätere verdienstvolle Präsident des Thüringer Ringerverbandes, der leider schon verstorbene Peter Gründig hat nie darüber gesprochen, wie er es zu Stande gebracht hatte: Ab September 1974 erhielt Uwe trotzdem eine Lehrstelle in Jena als Kfz-Mechaniker und trainierte beim Sportclub Motor Jena. Das war für einen Lehrling ohne Meriten nicht so leicht. Von 7 bis 16:45 Uhr ging die Lehre, dann ging es täglich mit Bus und Straßenbahn zum Training zurück ins Sportforum. Training von 17:30 bis 19:30 Uhr, dann schnell zum Abendessen, denn um 20 Uhr schloss die Küche. „Ich hab dann Peter Gründig vorgeschlagen bis 20 Uhr zu trainieren, wenn mir die Küchenkräfte das Essen extra bereitstellten. Und am Abend saß ich dann noch über den Hausaufgaben.“

„Trainer, ich hab das Training abgebrochen!“

Der Trainer erzählte gern eine Geschichte aus der Anfangszeit ihrer Zusammenarbeit: „Gleich in den ersten Wochen, als er sich noch nicht auskannte in Jena, war Uwe im Zentrum im Kino. Bei der Rückkehr verspätete er sich und verpasste die für die Rückkehr vorgegebene Zeit von 22 Uhr im Wohnheim. Als Sanktion durfte er am Wochenende nicht nach Hause fahren. Ich gab ihn also einen Plan für das Krafttraining am Wochenende. Am Montag fragte ich, wie das Training verlaufen sei und war erst einmal über die Antwort erstaunt. ´Trainer, ich hab das Training abgebrochen!‘ Als Begründung zeigte er mir seine völlig mit Blasen bedeckten, aufgerissenen Hände. Da wusste ich, dass wir nun einen Sportler mehr hatten, der keine Belastung scheute.“
Im Gegensatz zu heute verließen zu dieser Zeit die zum Sportclub bzw. der Sportschule delegierten Jugendlichen ihren Heimatverein und starteten ausschließlich für den Sportclub. Die meisten Ringervereine besaßen zu dieser Zeit einem vom Kreisvorstand des DTSB bezahlten hauptamtlichen Trainer, dessen Aufgabe es war, jährlich mindestens einen Kader an den Stützpunkt zu delegieren. Auch von Greiz gingen viele junge Ringer diesen Weg und begannen recht unterschiedlich erfolgreiche Laufbahnen im Leistungssportsystem der DDR. Manche waren nur noch ganz selten in der Greizer Jahnturnhalle zu sehen, viele haben nie wieder eine Trainingseinheit in Greiz absolviert. Da war Uwe Neupert ganz anders. Immer wenn es ihm zeitlich möglich war, war er an seiner alten Wirkungsstelle zu finden, trainierte mit und gab Tipps und Hinweise. Auch in dieser Hinsicht ist er heute noch ein Vorbild für die an der Sportschule trainierenden Greizer Sportler, deren Trainingsumfänge mit Neuperts Zeiten zwar nicht mehr zu vergleichen sind, aber am Freitagabend verzichten sie trotzdem gern mal auf das Heimattraining im Verein.
Jedes Jahr Medaillen bei EM und WM
Mit der leistungssportlichen Laufbahn von Uwe Neupert ging es steil nach oben. 1975 wurde er Jugendmeister und Spartakiadesieger. ein Jahr später Juniorenmeister, Zweiter bei der EM und Dritter bei der Männermeisterschaft. Zwischen 1977 und 1986 erkämpfte er 12-mal den DDR-Meistertitel, davon auch zweimal im griechisch -römischen Stil. Herausragend war aber seine internationale Bilanz. Regelmäßig wie ein Uhrwerk brachte er von Welt-und Europameisterschaften Medaille um Medaille mit nach Hause. 1978 und 1982 wurde er Weltmeister, 1978, 1979 und 1981 Europameister. Bei Weltmeisterschaften erkämpfte er 8 Medaillen, bei Europameisterschaften zehn. Nur einmal blieb er ohne Medaille, das war 1983 als er nach dem Gewinn der EM-Silbermedaille im Freistil in Budapest noch einmal im kaum trainierten griechisch-römischen Stil startete und Fünfter wurde.
Auch während seiner erfolgreichsten Zeit blieb Uwe mit seinem Heimatverein eng verbunden. Von jeder Auslandsreise, von jedem Wettkampf schickte er Sektionsleiter Rudolf Thümmler Ansichtskarten aus der großen weiten Welt, die beim Training von Hand zu Hand gingen.

Olympiaprophezeihung erfüllte sich aber nicht

Als Uwe Neuperts Laufbahn gerade erst mit den ersten Titeln bei Jugend und Junioren begann prophezeite Wilhelm Steinführer. „Uwe wird Olympiasieger!“ Der Schwergewichtsringer hatte noch mit Uwe in einer Mannschaft gerungen und erwarb sich als Mannschaftsleiter beim Wiederaufbau des Ringkampfsportes in Greiz zu Beginn der 80-ziger Jahre seine Verdienste. Trotzdem hatte er hier wohl seinen Mund etwas zu voll genommen, dachten fast alle. Doch schon 1980 stand der Greizer im Finalkampf der Olympischen Spiele in Moskau. „ Bei der EM in Prievidza (heute Slowakei) war ich im Finale gegen den sowjetischen Ringer Sanasar Oganesjan chancenlos und habe 3:12 verloren. Ich war völlig am Boden und hatte Tränen in den Augen. Dann haben wir mit der Videoauswertung begonnen, haben jede seiner Bewegungen und jeden Schritt analysiert und mit meinen Trainingspartnern diese Aktionen imitiert.“ Bei Olympia in Moskau hieß der Finalgegner wieder Oganesjan. Es wurde ein ganz spannendes Duell. Nach dem Ende des Kampfes stand es 11:9 für den DDR-Ringer. Die Gastgeber legten aber Protest gegen die letzte Wertung von Neupert ein. Dann hätte es 9:9 gestanden und der sowjetische Ringer wäre der Sieger. Zur Protestverhandlung wurden fünf Kampfrichter hinzugezogen, die die Videoaufzeichnung bewerten mussten. Diese entschieden sich mit 3:2 für Oganesjan. Ob dabei alles mir rechten Dingen zuging, konnte nie geklärt werden. Die Kampfrichter spielten zu dieser Zeit oftmals eine negative Rolle, was zur Folge hatte, dass die Regeln dahingehend veränder wurden, das die Disqualifikation wegen passiver Ringweise entschärft wurde. Übrigens auch beim Nationalmannschaftskollegen Roland Gehrke, der im höchsten Limit Vierter wurde, „übersahen“ die Kampfrichter einen Schultersieg gegen den Olympiasieger aus der UdSSR.
Bei Olympia 1984 in Los Angeles waren auf Grund des Boykotts der sozialistischen Länder keine DDR-Sportler dabei. Erst 1988 konnte Uwe Neupert am Ende seiner Laufbahn, als er Platz vier belegte, noch einmal bei olympischen Spielen in Seoul starten. Eigentlich 19989 schon vom Leistungssport verabschiedet, stellte DDR-Trainer Wolfgang Nitschke fest, dass sein Cotrainer Neupert noch immer besser war als seine jungen Nachfolger. So beorderte er ihn bei der WM in der Schweiz noch einmal auf die Matte. Die WM-Bronzemedaille war ein großartiger Abschluss einer einzigartigen Karriere.

Erfolgreichster deutscher Ringer aller Zeiten

Mit 19 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften im Männerbereich ist Uwe Neupert noch immer der erfolgreichste deutsche Ringer aller Zeiten. Dahinter folgt in dieser Wertung mit Schwergewichtler Andreas Schröder ein weiterer Jenaer Ringer, der wie der Olympiasieger von 1992 im griechisch-römischen Stil Maik Bullmann mit 13 Medaillen auf den zweiten Rang kommt. Gemeinsam die nächsten Plätze nehmen mit 12 Medaillen Adolf Seger und Alexander Leipold ein. Eine Sonderrolle spielt natürlich Wilfried Dietrich der legendäre „Kran von Schifferstadt“. Er erkämpfte bei Olympia fünf Medaillen (einmal Gold, je zweimal Silber und Bronze). Wären die Europameisterschaften schon vor 1966 eingeführt worden, wäre er sicher auf mehr als elf Medaillen gekommen.
Neuorientierung im Westen
Mit der politischen Wende in Deutschland brach auch das Leistungssportsystem der DDR zusammen. Unzählige Sportler wechselten zu Vereinen in der Bundesrepublik. Uwe Neupert hatte kurz vorher an der DHfK in Leipzig sein Studium als Diplomsportlehrer beendet. Der Weg schien vorgezeichnet. Plötzlich war alles ganz anders. Obwohl seine leistungssportliche Laufbahn eigentlich beendet war, wechselte als Sportler und Trainer nach Wiesental, zu einem Erstbundesligaverein im Kraichgau und kämpfte dort noch einige Jahre. Viele Jahre war er Betreiber eines Fitnessstudios.
Am Ende schloss sich doch noch der Kreis. Denn letzten Kampf seiner Laufbahn bestritt er dort, wo er ein Viertel Jahrhundert vorher mit dem Ringkampf begonnen hatte: In Greiz. Mit einem Sieg in der schwersten Gewichtsklasse verhalf er dem damaligen Greizer Zweitbundesligisten ausgerechnet gegen die Jenaer Mannschaft zum Sieg.
Am 5.August feiert Uwe Neupert seinen 65,Geburtstag im engsten Kreis der Familie in seiner neuen Heimat in Reilingen in Nordbaden.

Erhard Schmelzer

Von Service