70 Jahre RSV Rotation Greiz – 1931-2001

In eigener Sache

Eine Geschichte des Ringkampfsportes in Greiz, wenn auch nur in kurzer Form zu schreiben, ist nicht einfach. Seit mehr als 100 Jahren wird in Greiz gerungen. Allerdings wechselten sich vor 1931 mehrere Vereine ab mit dem Ziel, Kraftsport zu betreiben. Von diesen Vereinen sind praktisch keine Unterlagen mehr vorhanden. Die jeweiligen Nachfolgevereine hatten auch kein Interesse, die Erfolge ihrer Vorgänger der Nachwelt zu erhalten. Mit der Gründung des jetzt unter dem Namen RSV Rotation Greiz firmierten Vereins änderte sich das.

Doch nicht einmal acht Jahre nach der Vereinsgründung brach der Zweite Weltkrieg aus mit all seinen verheerenden Folgen für die Menschen. Obwohl an geregeltes Sporttreiben nicht mehr zu denken war, fanden 1944 noch deutsche Meisterschaften (Freistil) statt. Neben den vielen Toten, die der Verein zu beklagen hatte, wurden auch Teile des Vereinsarchives durch einen Bombenangriff in der Weberstraße 30 (Wohnung des Ringerchefs Rudi Gebhardt) vernichtet. Weitere Unterlagen wurden in der Jahnturnhalle gelagert. Als nach dem Einzug der sowjetischen Besatzungstruppen dort ein Lazarett eingerichtet wurde, fanden die Papiere als Heizmaterial Verwendung.
Nicht alle Vorgänge sind also lückenlos belegt, mancher verdienstvolle Sportler wird nicht erwähnt werden (vielleicht auch aus späteren Jahren), weil er schlicht und einfach in Vergessenheit geraten ist, oder weil der Platz in dieser Broschüre nicht ausreicht.

70 Jahre RSV Rotation Greiz
v.l.n.r.: K. Martens, Schneider, Neuparth, Gebhardt, Ehr. Roth, Semper, Ew. Roth

Die Anfänge des Ringens in Greiz

Der alles beherrschende Sport in Deutschland des 19. Jahrhunderts war das Turnen. Alle anderen Sportarten führten dagegen ein Schattendasein, entwickelten sich aber im Umfeld des Turnens. So war auch die erste Ringkampfveranstaltung, bei der nachweislich ein Greizer Sportler auftrat, eingebunden in einen Turnwettbewerb. Am 14. September 1885 fand das 11. Osterländische Gauturnfest in Schmölln statt. Als Rahmenveranstaltungen wurden auch leichtathletische Läufe und ein Wettringen durchgeführt. Sieger beim Ringen wurde C. H. Gerold vom Turnklub Greiz, der somit als erster Greizer Sieger beim Ringkampf in die Analen eingeht.

Am 18. und 19. April 1891 trat der zu dieser Zeit schon fast ein Jahrzehnt weltweit bekannte Athlet und Ringkämpfer Carl Abs im Greizer Tivoli auf. Der mecklenburgische Zimmermann, 1851 geboren, trat als Ringer und Stemmer auf und reiste dabei durch Europa, die USA und Kanada. Abs wurde 1884 der erste deutsche Professional-Weltmeister, als er den Amerikaner William Muldoon in New York besiegte. Fachleute sind sich heute einig, ohne Abs, der den Kraftsport in Deutschland in breiten Kreisen der Bevölkerung popularisierte (vergleichbar der Tenniswelle durch die Erfolge von Boris Becker), wäre der Deutsche Athleten- Verband 1891 nicht gegründet worden. Schon ein Jahr später, genau am 10. September 1892, reichte der Greizer Bäckermeister Franz Golla, wohnhaft in der Unteren Silberstraße 2, an die fürstliche Landesregierung die Bitte um Genehmigung des Vereines „I. Greizer Athletenclub” ein.
Auch über den Werdegang des Vereines liegt das Dunkel der Geschichte, die Genehmigung für öffentliche Auftritte wurde jedenfalls erteilt. Übrigens mußte jeder, der aufgenommen werden wollte, das 18. Lebensjahr überschritten haben.

Bekanntestes Mitglied des Vereins vor der Jahrhundertwende war Franz Linke. Er gewann Wettkämpfe im Ringen, z. B. im August 1896 in Werdau, einen Wettlauf von Künzel’s Lokal (Lehmgrube) bis zur Schlötenmühle, kämpfte aber auch gegen Zirkusathleten. So besiegte er im Oktober 1895 einen Herrn Esser vom Zirkus Immans und erhielt dafür einen Preis von 100 Mark, zu der Zeit ein fürstlicher Lohn. Linke muss wohl ein großes Talent gewesen sein. So setzte er selbst Prämien bis zu 100 Mark aus für denjenigen, der ihn besiegen würde. So geschehen z. B. am 18. Januar 1897 im „Gasthof zum Wolfen” in Langenwetzendorf.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trat die „Kraftsportliche Vereinigung Greiz” in das Licht der Öffentlichkeit, die ihre Übungsstunden dienstags von 20 bis 23 Uhr zuerst im Vereinslokal „Untere Linde” und später in der heute noch existierenden Gaststätte „Krug zum grünen Kranze” hatte. Im Vorort Aubachtal existierte der „Erste Arbeiter- Kraftsportverein Greiz”, der dem Arbeitersportverband „Vorwärts” angehörte.
Nachdem der Erste Weltkrieg viele Opfer unter den Ringkämpfern in Greiz gefordert hatte, taucht in den Jahren danach ein neuer Verein in Greiz auf. Es ist die „Kraftsportliche Vereinigung Greiz”, die ihr Domizil in der Marienschule, der heutigen Goetheschule, hatte. Auch von diesem Verein ist uns wenig Archivmaterial hinterlassen worden. Eine Sportvorschau in der Reußischen Volkszeitung vom 24. April 1920 nennt uns einige ihrer Kämpfer und ihre Kampfpartner aus Plauen. „Die Kraftsportliche Vereinigung Greiz” veranstaltet am Sonntag, dem 25. April in Grimm’s Lokal einen Städtewettkampf, zu dem sie den Ring- und Stemmklub „Herkules” in Plauen gewonnen hat. Zur Austragung des Kampfes gelangt ein silberner Pokal. Es stehen sich folgende Ringer gegenüber: Willi Neidhardt (Greiz) — Kurt Winkler (Plauen), Alfred Michel (Greiz) — Albert Lenk (Plauen), Hermann Hollmann (Greiz) — P. Eisenschmidt (Plauen), Paul Zapf (Greiz) — Paul Metzner (Plauen), Arno Frotscher (Greiz) — Paul Gerstner (Plauen). Beginn vier Uhr, anschließend „Tanzkränzchen.” Das Ergebnis der Kämpfe ist uns leider nicht überliefert.

70 Jahre RSV Rotation Greiz
v.l.n.r.: Semper, Höppner, Hoffmann, Gebhardt, Neuparth, Schneider, 0. Martens, Ditscherlein, K. Martens

Der als erster Kämpfer für Greiz genannte Willi Neidhardt tauchte bereits 1910 als Gewinner eines Turniers in Auerbach in den Siegerlisten auf. Startete damals im Federgewicht. Es war die leichteste Gewichtsklasse, insgesamt gab es fünf Gewichtsklassen (Feder-, Leicht-, Mittel-, Halbschwer- und Schwergewicht). In diesen fünf Gewichtsklassen wurden ab 1919 die deutschen Meister im griechisch-römischen Stil ermittelt. Die ersten deutschen Meisterschaften im griechisch- römischen Stil wurden 1893, damals nur in einer Gewichtsklasse, in Köln durchgeführt. Die ersten deutschen Freistilmeisterschaften fanden erstmals 1934 in Nürnberg ihre Austragung.

Willi Neidhardt, der lange Zeit als bester Greizer Ringer galt, eroberte sogar bei den Deutschen Meisterschaften Medaillen. Bei den Titelkämpfen 1921, als die Deutsche Meisterschaft in Plauen stattfand, allerdings für Pausa, da Neidhardt näch Streitigkeiten mit der Vereinsführung in Greiz nach Pausa gewechselt war. Neidhardt gewann damals als erster Ringer der näheren Umgebung eine Medaille bei deutschen Meisterschaften, und zwar die silberne.

Wie lange das Gastspiel in Pausa dauerte, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Bei den deutschen Meisterschaften des Jahres 1923, die ihre Austragung in Erfurt fand, startete Willi Neidhardt jedenfalls wieder für seine Heimatstadt Greiz und konnte zum zweiten Mal eine Medaille in Empfang nehmen, diesmal die bronzene.
Aber auch die Konkurrenz in der eigenen Stadt schlief nicht. Hermann Hüttner hieß der stärkste Ringer des Arbeiter-Kraftsportvereines. Er gewann viele Turniere und Wettkämpfe. Ende der zwanziger Jahre nahm er zusammen mit dem Berliner Halbschwergewichtler Werner Seelenbinder an der Völkerspartakiade der Sowjetunion teil, bei der auch Ringer aus den Arbeitersportverbänden aus vielen Teilen Europas starteten. Während der später durch die Nazis wegen kommunistischer Betätigung hingerichtete und in der SED-Propaganda missbrauchte Seelenbinder in der Sowjetunion die Silbermedaille erkämpfte, belegte der Greizer Hermann Hüttner einen hervorragenden dritten Platz.

1931 – Ein neuer Verein wird gegründet

Ein Wendepunkt in der Geschichte des Greizer Ringkampfes war das Jahr 1931. Im alten Greizer Verein „Kraftsportliche Vereinigung”, der in der Marienschule trainierte, später dann in der Gaststätte „Grüne Linde” und schließlich in Tannendorf, kam es zu einem Aufstand der jungen Mitglieder gegen die damalige Vereinsführung.

In Tannendorf vertraten 1931 einige Herren den Standpunkt, dass der Kraftsport nicht mehr wirkungsvoll sei und daher erst einmal pausiert werden müsse. Die Jugend war mit dieser Entscheidung nicht einverstanden und versuchte, neuen Schwung in den Kraftsport zu bringen. Man verlagerte die Ringkämpfe auf die Vororte, und zwar wurde der erste Kampf in die Pohlitzer Naturheilverein-Halle verlegt. Als Gegner wurde Pausa gefordert, und die Greizer Mannschaft gewann vor ausverkauftem Haus 4:3. Kurz darauf folgte der zweite Wettkampf gegen Plauen in der ausverkauften Turnhalle Hermannsgrün. Auch diesen konnte Greiz mit 5:2 gewinnen.

Ab 15. Oktober 1931 wurde eine neue Kraftsport- Abteilung gegründet. Es waren acht etwa 20-jährige Burschen, und zwar Ewald Roth, Erhard Roth, Siegfried Semper, Rudolph Gebhardt, Kurt Ditscherlein, Albert Schneider, Paul Neuparth. Von diesen acht kehrten vier nicht aus dem Zweiten Weltkrieg zurück.
Rudi Gebhardt erinnert sich (gekürzt): „Nachdem die Gründung vollzogen war, galt es eine Stätte für Training und Wettkampf zu finden. Die Jahnturnhalle wurde einstimmig gewählt. Die Matte frei und es ging los. Im Oktober 1931 begann in der Jahnturnhalle ein neuer Kraftsport-Aufstieg in Greiz. Ein Jahr später löste sich der alte Verein auf, denn er kam trotz mehrfachen Bemühens nicht mehr auf die Beine. Die Jugend hatte in der Jahnturnhalle das Sagen, und die Zuschauermassen waren begeistert und bildeten schließlich das Rückgrat des Vereins. 1932 galt Greiz bereits über alle Gaugrenzen hinaus als Ringerhochburg. Dieser Ruf und Ruhm konnte ohne Zweifel bis heute gehalten werden. Die Ringerhochburg Greiz brachte außer den Punktkämpfen Freundschaftsgegner in die Jahntumhalle, die heute noch in Erinnerung sein werden, wie zum Beispiel Hof, Königsberg, Bamberg, Polizei Nürnberg und so weiter. Es kam schließlich soweit, dass man sich in Berlin entschloss, Greiz mit in die Deutsche Extraklasse einzureihen und hier außer nationalen auch internationale Kämpfe zuzulassen. Daraufhin kam in Greiz das große Ringerturnier Deutschland — Finnland zur Durchführung. Hierzu stellten die Greizer aus ihren eigenen Reihen die Kameraden Hoffmann, Stottmeyer, Wahl, Höppner und noch andere Ringer auf Unser stärkster Nachwuchsringer Kurt Hoffmann erkämpfte sich sogar einen Platz in der deutschen Ländermannschaft und vertrat mehrmals die Farben Deutschlands.”

Dreimal gelangen ihm vor dem Krieg Medaillenränge bei deutschen Meisterschaften. In seinem besten Ringeralter tobte der Zweite Weltkrieg. Aus diesem Krieg heimgekehrt, erkämpfte er nochmals drei gesamtdeutsche Medaillen und insgesamt neun DDR-Meistertitel. Seine erste deutsche Meisterschaftsmedaille (die Bronzemedaille) gewann Kurt Hoffmann, der 1937 alle Einzeltiteljm Mittelgewicht im freien Stil errang. Im Jahre 1940 gewann er wieder Bronze, diesmal aber im griechisch-römischen Stil. Im Jahr darauf verteidigte er diese Medaille im Freistil.

Schritt für Schritt zur Ringerhochburg

Von besonderer Bedeutung war die Entwicklung des Ringkampfsportes in Greiz nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Deutschland lag am Boden, Hunger und Not herrschten landesweit. Besonders schlecht ging es den Flüchtlingen aus dem Osten. Der braune Terror wurde vom roten Terror abgelöst. In dieser Zeit geschah in Greiz etwas Ungewöhnliches. Trotz aller Widrigkeiten entwickelte sich Greiz Schritt für Schritt zur Ringerhochburg in der russisch-besetzten Zone und konnte diese Position bis Mitte der fünfziger Jahre halten. Dann begann das zentralistische Sportsystem der SED zu greifen, und da war für individuelle Entwicklung kein Platz mehr.

Auf Beschluss der Alliierten war in Deutschland die Beschäftigung mit Kampfsportarten verboten. Dazu zählte natürlich auch der Ringkampf. Heimlich musste in der Jahnturnhalle trainiert werden. Der russische Kommandeur schien ein Auge zugedrückt zu haben. Jedenfalls haben die Greizer Ringer früher mit dem Training begonnen als andere Mannschaften. Im September 1946 erhielten sie nach einer Schauvorführung vor dem russischen Kommandanten und dessen Sportoffizier die Genehmigung zum offiziellen Training. Die Begeisterung der Greizer Bevölkerung für den Ringkampfsport wurde sprichwörtlich. Bereits beim ersten Kampf in der Jahnturnhalle jubelten wieder 1.000 Zuschauer ihrer Mannschaft zu. Damals wurde noch auf einem Podest gerungen, ähnlich einem Boxring, und die Matte war zu dieser Zeit sechs mal sechs Meter groß. Nur so waren den Zuschauermassen Sichtmöglichkeiten zu gewähren. Die Mannschaft der ersten Stunde bestand aus folgenden Ringern: Jugold, Rapp, Ditscherlein, Lauterbach, Aquilla, Hoffmann und Lässig.

Die Greizer Ringer starteten nun in vielen Vergleichskämpfen in überfüllten Häusern und eilten von Sieg zu Sieg. Viele Probleme gab es in der Nachkriegszeit zu lösen. Als die Stromversorgung nicht gesichert war, mussten Kämpfe abgesagt werden. Als am 7. Juni 1947 der Kampf gegen Leipzig abgesetzt werden musste, die sowjetische Militäradministration Sport nur im Kreismaßstab erlaubte, wurde die Leipziger Mannschaft einfach in Greiz B umbenannt. In der Zeitung las sich das dann so: „Am Sonnabend kam es in der Jahntumhalle wieder zu spannenden Kämpfen, bei denen die Greizer A-Mannschaft klar mit 22:6 Punkten die Oberhand behielt. Trotzdem die B-Mannschaft eine gute Vertretung stellte, konnte sie mehrere Blitzsiege nicht verhindern. Der Hauptkampf Hoffmann — Finzel endete mit einem Punktsieg für Hoffmann”. Eingeweihte wussten natürlich, dass Bruno Finzel ein Leipziger war.

Thüringer Vizemeister 1948

Erst am 29. Mai 1948 gab es für Greiz die erste Niederlage. In der bis auf den letzten Platz gefüllten Jahnturnhalle gewann die Zella-Mehliser Mannschaft mit 4:3 Punkten. Jahrzehntelang wurde die Thüringer Mannschaftsmeisterschaft im Ringen vom Zella-Mehliser Verein beherrscht, der dreimal im deutschen Finale stand und jeweils nur knapp unterlag. Im Herbst 1948 begannen erstmals wieder nach dem Krieg die Kämpfe um die Thüringer Mannschaftsmeisterschaft. Gleich im Auftaktkampf besiegten die Greizer in der Jahnturnhalle Seriensieger Zella-Mehlis mit 5:3 Punkten. Nach Abschluss der Serie wurde Greiz Vizemeister, denn man unterlag in Zella-Mehlis und rang in Albrechts unentschieden. Meister wurde Zella-Mehlis, vor Greiz, Viernau und Albrechts.

Doch auch außerhalb Thüringens erwarben sich die Greizer Ringer einen guten Ruf. Die Greizer Mannschaft verpflichtete die stärksten Mannschaften der Ostzone zu freundschaftlichen Vergleichskämpfen und eilte erneut von Sieg zu Sieg. Bis zum Mai 1949 wurden 40 Mannschaftskämpfe ausgetragen, davon wurden 35 gewonnen, zwei endeten unentschieden und nur drei wurden verloren. Zweimal war Zella-Mehlis stärker, einmal unterlag man Gelenau.

Einige Kämpfe mussten, weil die Jahnturnhalle den Andrang der Zuschauer nicht mehr bewältigen konnte, in der Stadthalle, der jetzigen Sportschule „Kurt Rödel”, ausgetragen werden. Gegen die Spitzenmannschaften aus Berlin bejubelten 2.000 Zuschauer den Greizer 6:2-Sieg. Vorläufiger Höhepunkt der Begeisterung war der Länderkampf Thüringen—Hessen in Greiz. Da keine Halle die begeisterten Ringkampfanhänger fassen konnte, wurde von vornherein eine Freiluftveranstaltung geplant, die vor der Stadthalle durchgeführt wurde. Thüringen gewann vor 4.000 Zuschauern bei der bis dahin größten Ringkampfveranstaltung nach dem Krieg in Deutschland mit 5:3 Punkten. Die Hälfte der Thüringer Kämpfer stellte die Greizer Mannschaft. Jugold, Frey und Hoffmann gewannen, Lässig unterlag. Der nach dem Krieg als Profiringer tätige Conny Frey hatte sich reamateurisieren lassen, den Greizern angeschlossen und ihnen noch viele Kniffe beigebracht.

Der Greizer Siegeszug ging weiter, ob freundschaftliche Mannschaftsvergleiche, Thüringer Meisterschaften oder gar die erstmals 1949 durchgeführten Ostzonenmeisterschaften, immer standen Greizer Ringer auf dem Siegertreppchen. Auch Einladungen von starken Mannschaften aus dem Westen gingen ein und wurden angenommen. Den größten Erfolg konnte Kurt Hoffmann am 2.Oktober 1949 in Hamburg erringen. Er wurde Deutscher Vizemeister im Mittelgewicht des klassischen Stils. Nur 14 Tage später wurde er in Grimm’s Lokal in Greiz erstmals DDR-Meister. Auch bei diesen Titelkämpfen war die Ringerhochburg erster Ausrichter.
Eine Besonderheit soll hier erwähnt werden. In der Greizer Wettkampfstatistik des Jahres 1949 nahm Rudolf Höppner den siebenten Platz ein. Eine Tatsache, die keine weitere Erwähnung verdienen würde, hätte Rudolf nicht im Krieg einen Unterschenkel verloren und unseres Wissens als einziger Ringer Deutschlands mit einer Unterschenkelprothese ringen müssen.

DDR-Mannschaftsmeister 1949

Im Dezember 1949 wurde die in eine Nord- und eine Südstaffel geteilte Oberliga gegründet. Zusammen mit Zella-Mehlis, Gelenau, Dresden, Ramsin und Halle rang Greiz in der Südstaffel. Erstmals wurde dabei die 20 Jahre anhaltende Vormachtstellung der Zella-Mehliser in Punktkämpfen gebrochen. Greiz wurde in der Aufstellung Jugold, Zaumseil, Lohr, Becker, Dix, Hoffmann, Semper und Lässig im entscheidenden Kampf 5:3 Sieger über die Zella-Mehliser und vor 3.000 Zuschauern in der Sportschule Staffelsieger. Schon vor Beginn der Kämpfe musste die Wettkampfstätte wegen Überfüllung geschlossen werden. Hunderte von Anhängern erhielten keinen Zutritt mehr. Zwar unterlag Greiz in Zella-Mehlis, aber der Gruppensieg wurde erkämpft.

Nur in Gelenau, beim Angstgegner der Greizer, wurde verloren, aber der Unparteiische war nicht angereist, und der Greizer Protest gegen den Gelenauer Kampfrichter hatte Erfolg. Beim Nachholekampf in Gelenau reisten 200 Greizer Anhänger mit und stärkten ihrer Mannschaftden Rücken. Mit Erfolg: Greiz gewann 6:2.

Nun standen die Greizer Ringer zusammen mit Mercedes Zella-Mehlis, Hellas Nauen und Norden Berlin im Finale der erstmals ausgetragenen DDR-Mannschaftsmeisterschaft. Die Kämpfe fanden im September in Leuna statt. Greiz besiegte vor nur 500 Zuschauern Berlin mit 5:3 Punkten und kam gegen Nauen und die auf dem zweiten Platz rangierende Zella-Mehliser Vertretung zu jeweils klaren 7:1-Siegen. Die „goldene” Greizer Mannschaft kämpfte in folgender Aufstellung: Jugold, Rapp, Lohr, Becker, Heisig, Hoffmann, Semper und Lässig. Dieser bisher größte Erfolg wirkte fördernd auf die gesamte Ringkampfentwicklung in Greiz. Der Stellenwert des Ringkampfsportes stieg weiter. Noch mehr Jugendliche kamen zum Training, die Einladungen zu Turnieren außerhalb der russischen Zone häuften sich.

Drei DDR-Einzelmeister 1951

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Landesmeister 1951

Auch die nächste Saison begann positiv. Greiz wurde wieder Thüringer Meister, diesmal vor Falke Viernau und Motor Suhl. In der Zwischenrunde zur zweiten DDR-Meisterschaft wurde Magdeburg zweimal 8:0 überrannt. So rang Greiz im April 1951 im nahen Netzschkau mit Viernau und Leuna einen der zwei Teilnehmer am Finale aus. Es ging also schon um den Vizemeistertitel. Doch diesmal qualifizierte sich Greiz nicht für das Finale.

Fliegengewichtler Jugold hatte 50 Gramm Übergewicht und im Zusammenhang mit einer taktisch unklugen Aufstellung wurde der Kampf zwar nicht verloren, aber ein 4:4 gegen Viernau und ein 5:3-Sieg über Leuna reichten nur zum zweiten Platz. Doch die bereits im Juni 1951 in Greiz ausgetragenen DDR-Einzelmeisterschaften entschädigten die enttäuschten Anhänger. Drei der acht DDR-Meistertitel gingen an die Greizer Jugold, Lohr und Hoffmann. Alle Meister kamen übrigens aus Thüringen.

Auch internationale Vergleiche fanden in Greiz statt. Nachdem der Länderkampf gegen Polen zu Pfingsten von den Gästen kurzfristig abgesagt werden musste, kam es am 22. Mai 1951 vor 2.500 Zuschauern in der Sportschule zum Vergleich DDR-Auswahl gegen Tschechoslowakei. Die mit den Greizern Jugold, Becker und Hoffmann angetretene DDR-Auswahl erkämpfte ein 4:4- Unentschieden.

Bei den DDR-Einzelmeisterschaften in Zella-Mehlis wurde Kurt Hoffmann Doppelmeister, Martin Lässig gewann im Freistil, Schaarschmidt wurde Jugendmeister. In der vom November 1951 bis Mai 1952 ausgetragenen Thüringer Mannschaftsmeisterschaft lief es für Greiz nicht besonders. Hinter Falke Viernau wurde Chemie Greiz „nur” Zweiter, ließ aber Motor Zella-Mehlis und Motor Suhl klar hinter sich. Wegen der überragenden Stellung des thüringischen Ringkampfsportes wurden alle vier Mannschaften in die DDR-Oberliga aufgenommen.

DDR-Mannschaftsmeister 1952

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Die Greizer Mannschaft im Vordergrund beim Kampf gegen Dortmund-Hörde 1952/53. Sektionsleiter W. Liesenfeld (stehend links), vordere Reihe von links: M. Fischer, H. Roth, K Hoffmann, I. Schaarschmidt, G. Lohr, B. Finzel, M. Lässig, H. Becker

Die Greizer Leitung war nicht untätig, der Nachwuchssportler Manfred Dittmann wurde ins Fliegengewicht gestellt, Ex-Meister Gerhard Lohr beendete seinen Aufenthalt in Berlin und startete wieder für Greiz und der Leipziger Bruno Finzel meldete sich an. So verstärkt, startete die Greizer Mannschaft im November 1952 zur dritten DDR- Mannschaftsmeisterschaft. In einer Achter-Staffel rang jeder im Hin- und Rückkampf gegen jeden. Die Greizer starteten einen unvergleichlichen Siegeszug. Motor Suhl, Chemie Leuna, Traktor Viernau, der Titelverteidiger Empor Berlin, Union Gelenau, Motor Adern und Motor Zella-Mehlis (6:2) wurden nacheinander in der Vorrunde besiegt. Greiz war klar die Nummer eins in der DDR, auch wenn in der Rückrunde in Suhl mit 5:3 verloren wurde und Viernau ein Remis erkämpfte. Greiz stand schon lange als Meister fest, als man im abschließenden Kampf, ohne dass man Gewicht reduzierte, in Zella-Mehlis nochmals verlor. Vizemeister mit fünf Punkten Rückstand wurde Motor Zella-Mehlis vor Chemie Leuna.

Zu jedem Heimkampf kamen mehr als 1.000 Zuschauer. Die Begeisterung der Anhänger kannte keine Grenzen. Auch zu den Auswärtskämpfen reisten viele Greizer Ringkampfanhänger mit. In Gelenau mussten sie allerdings erleben, dass die Greizer Mannschaft nur mit sieben Ringern antrat. Man hatte vergessen, den wie üblich aus Leipzig angereisten Bruno Finzel in Werdau vom Bahnhof abzuholen. Als man den Irrtum bemerkte, war es zum Umkehren zu spät, doch man gewann auch ohne Bruno. Aber dieser mit klarem Vorsprung errungene zweite DDR-Meistertitel war der Höhepunkt des Greizer Ringkampfsportes. Von nun an gewannen nur noch Sportklubmannschaften den höchsten DDR-Titel. Zur Stammbesetzung der zweiten Greizer Meistermannschaft gehörten Dittmann, Jugold, Lohr, Becker, Finzel, Hoffmann, Mizerski oder Semper und Lässig.

Kaum zu glauben, dass sich die Spannung und die Begeisterung bei den Ringwettkämpfen noch steigern ließen. Aber es war möglich. Was heute im Fußball die Spiele der Champion League sind, waren damals, Anfang der fünfziger Jahre, die Kämpfe um die sogenannte Gesamtdeutsche Meisterschaft gegen die Vereine aus der Bundesrepublik. Diese Wettkämpfe wurden, ähnlich den jetzigen Bundesligakämpfen, in wechselnden Stilarten gerungen. Der Ringkampf war übrigens die erste Sportart, die eine gesamtdeutsche Meisterschaft durchführte. Greiz nahm viermal daran teil. Obwohl die Greizer Zuschauer sehr verwöhnt waren, wurden diese Wettkämpfe der echte Kulminationspunkt im Greizer Ringkampfsport.

3.000 Zuschauer bei der Gesamtdeutschen Meisterschaft

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Bernd Schott; Deutscher Jugendmeister 1955

Zum ersten Schlager gegen die SG Frankfurt-Eckenheim kamen im April 1950 3.000 Zuschauer in die Sportschule. Die Greizer unterlagen zu Hause mit 3:5 Punkten, vor allem, weil sie mit den Kämpfen im freien Stil nicht zurechtkamen. Gegen den Bremer SV kamen 1951 1.500 Zuschauer in die Jahnturnhalle und bejubelten einen 6:2-Sieg, der den Einzug in die nächste Runde garantierte. Dort war der bayerische Meister München-Neuaubing der Gegner, der in Greiz mit 5:3 siegte und später deutscher Vizemeister wurde. Im Jahre 1953 war der AC Dortmund-Hörde der Gegner. Greiz schied hauchdünn aus, wohl auch deshalb, weil der DDR-Meister Bruno Finzel keine Einreisegenehmigung nach Dortmund erhielt.

Der deutsche Titelträger Heros Dortmund war 1954 der Gegner, eine Mannschaft, in der die besten deutschen Ringer vereint waren. Trotz der Greizer Niederlage ist dieser Kampf wegen seiner Klasse vielen Zuschauern besonders lang in Erinnerung geblieben.

Aber in der DDR-Meisterschaft gingen die Erfolge weiter. Nach dem zweiten Meistertitel von 1952 startete die Greizer Mannschaft 1953 in der Oberliga Gruppe A und wurde ohne Punktverlust Staffelsieger vor Empor Berlin, Traktor Viernau, Motor Altern und Einheit Dresden. Zum Finale um den Titel trafen Greiz und Berlin auf die Erstplatzierten der B-Gruppe, Zella-Mehlis und Chemie Leuna. Noch standen vor dem Namen der Leunaer Mannschaft die Buchstaben BSG, doch sie wurde schon zu damaliger Zeit als Schwerpunktmannschaft gehandelt und massiv von der Sportführung unterstützt. Greiz unterlag nach 8:2-Führung noch 8:11, konnte aber die alten Rivalen Zella-Mehlis und Berlin besiegen und den Vizemeistertitel erkämpfen.

Skandal in Zella-Mehlis

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DDR-Mannschaftsmeister 1952: v.l.n.r. Lässig, Semper, Hoffmann, Finzel, Becker, Schleicher, Lohr, Dittmann

Auch das Wettkampfjahr 1954 begann erfolgreich. Diesmal war die Oberliga in drei Staffeln eingeteilt. Greiz wurde wieder ungeschlagen Erster vor Empor Gelenau, Motor Zella-Mehlis und Berlin-Hohenschönhausen. Zusammen mit den beiden anderen Staffelsiegern Sportclub Motor Suhl und Sportklub Chemie Leuna fuhr Greiz zum Finale nach Suhl. Die Greizer rechneten sich zunächst kaum Chancen aus, denn der neugegründete Sportclub Suhl hatte sich mit drei Sportlern verstärkt, die in den Gruppenkämpfen noch für andere Mannschaften gerungen hatten. Die Regelung, dass Sportler zu Sportklubs delegiert werden konnten und sofort startberechtigt waren, wurde 1954 eingeführt und behielt bis zur Wende 1989 ihre Gültigkeit. Über diese Ungerechtigkeit bereits verärgert, schöpften die Greizer nach dem Wiegen doch wieder Hoffnung, denn die Kampfpaarungen waren so schlecht nicht. Doch dann nahm das Verhängnis seinen Lauf. Bereits im ersten Kampf Greiz —Sportclub Motor Suhl kam es zum Eklat. Der Greizer Fliegengewichtler Büttner führte hoch nach Punkten, aber der Kampfrichter Wenzel (Leipzig) erkannte seinem Gegner den Sieg zu. Jahrzehntelang erklärten Beteiligte, der Greizer hätte klar gewonnen. Die Greizer Mannschaft, schon von vornherein unter ungleichen Bedingungen gestartet, sah sich einem Komplott gegenüber und tat das, was eine Sportmannschaft nie tun sollte — sie brach den Kampf ab.

Die Strafe folgte auf dem Fuße. Mannschaftsleiter Erwin Elsner erhielt eine strenge Rüge und Funktionsentzug für die Dauer von zwei Jahren. Martin Lässig und der „Meister des Sportes”, Kurt Hoffmann, erhielten eine Rüge und zwölf Monate Startverbot. Die anderen Aktiven Büttner, Dittmann, Lohr, Becker, Finzel und Frenzel erhielten sechs Monate Startverbot. Alle Greizer Ringer wurden aus dem Team der Nationalmannschaft entlassen.

Die Nachwuchsarbeit wurde durch die Zwangspause der Männermannschaft forciert, die Greizer Jugend wurde auch DDR-Vizemeister hinter Stahl Eisleben, aber der Vorsprung der nun staatlichen Sportklubs war nicht mehr aufzuholen.
Noch einmal nahmen die Greizeralle Kräfte zusammen. Nach Ablauf der Sperre gingen die Kämpfe in einer zweigeteilten Oberliga weiter. In der Staffel A belegten die Greizer Ringer hinter dem Sportclub Chemie Halle-Leuna und vor Chemie Bitterfeld, Motor Schott Jena, Traktor Viernau und Empor Gelenau den zweiten Platz. Damit qualifizierte sich Greiz für die Halbfinals. Im freien Stil wurde Greiz Zweiter hinter der BSG Motor Artern. Im geliebten klassischen Stil schlug man die Betriebssportgemeinschaften Artern, Viernau und Schkopau und qualifizierte sich für das Finale. Im Mai 1956 stand die Greizer Rotationsmannschaft noch einmal in der Endrunde einer DDR-Meisterschaft und wurde hinter dem Sportclub Chemie Halle und dem Sportclub Motor Suhl/Zella-Mehlis Bronzemedaillengewinner. Erst 34 Jahre später gewann die Greizer Mannschaft wieder eine Medaille bei DDR-Meisterschaften. Über das Phänomen „Ringkampf in Greiz” wurde danach viel spekuliert.

Sicher ist es heute nicht mehr möglich, alles genau zu rekonstruieren. Früher als in anderen Städten begann der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Die gesamte Bevölkerung stand hinter der Mannschaft. Nicht nur in Bezug auf die Leistung ihrer Sportler lag Greiz an der Spitze, auch das Publikum war Spitze. Zehn Jahre lang war das Greizer Publikum das zahlenmäßig stärkste in Deutschland. Dadurch wurde ein Großteil der Auslagen selbst erwirtschaftet. In diesen ersten Jahren nach dem Zusammenbruch waren es vor allem Naturalspenden von Greizer Geschäftsleuten, die dafür sorgten, dass die Kochtöpfe der Ringer etwas voller waren. Ob nun in Form von Gemüse oder Schnitzeln, jedenfalls mehr, als es die Lebensmittelkarten zuließen.

Rudi Gebhardt muss fliehen

Auch die besten Voraussetzungen und Möglichkeiten nützen nichts, wenn nicht ein engagierter und ideenreicher Vorstand existiert, der die Fäden in der Hand hält. Greiz war in der glücklichen Lage, einen Rudi Gebhardt zu besitzen, der mit seiner ganzen Person hinter der Sache stand. Bereits 1931 gehörte der am 5. Februar 1911 geborene Greizer zu den rebellischen Jugendlichen, die einen eigenen Verein in der Jahnturnhalle gegründet hatten. Jetzt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges leitete er mit anderen verdienstvollen Funktionären den Wiederaufbau des Ringkampfsportes in Greiz. Der gelernte Dreher kam nach 1945 zur Kriminalpolizei nach Greiz, wurde aber bald entlassen.

Er gehörte zu den Ringern, die den Ringkampf von der Pieke auf gelernt hatten und in der Lage waren, alle nötigen Funktionen auszufüllen. Er organisierte und initiierte den Neuaufbau 1945, war, Trainer, Schiedsrichter, Chefmanager, Mannschaftsleiter und Pressewart. Dort, wo er gebraucht wurde, war er zur Stelle. Als in Zella-Mehlis ein Aktiver ausfiel und die Mannschaft umgestellt werden musste, zog er auch noch einmal das Ringertrikot an. Wurde eine DDR-Meisterschaft in Greiz ausgetragen, war er Leiter der Veranstaltung. Auf seine Initiative hin wurde die Ringer-Oberliga der DDR gegründet. Als internationaler Kampfrichter vertrat er die DDR bei Turnieren im Ausland.
Wie so viele Thüringer musste Rudi Gebhardt seine Heimat verlassen und sein Glück mittellos im Westen versuchen. Aber was muss in einem Mann vorgegangen sein, der nicht nur Freunde und Verwandte zurücklassen musste, sondern auch seine geliebte Greizer Ringermannschaft, für die er Jahrzehnte unermüdlich tätig gewesen ist.

70 Jahre RSV Rotation Greiz
Landesjugendmannschaften 1952

Das Sportsystem im Osten verändert sich

Einem anderen verdienten Funktionär erging es ähnlich, dem langjährigen Sportleiter Walter Liesenfeld. Wie Gebhardt bestimmte Liesenfeld die Richtung im Greizer Ringkampfsport mit. Nach dem Ausscheiden von Gebhardt lagen die Hoffnungen auf Liesenfeld. Sein „sportliches Ende” hatte wie man damals sagte „sportpolitische Gründe”.
Ab dem 20. September 1952 startete man dann unter dem Namen BSG Rotation Greiz, deren Hauptträger die Papierfabrik wurde.
Was war geschehen? Die Sportvereinigung Fortschritt war bei der Zentralisierung des Sportes in der DDR zu kurz gekommen und suchte noch einen geeigneten Standort. Greiz, die „Perle des Vogtlandes”, mit guten Ringern, Turnern und Fußballern konnte die Lösung sein. Liesenfeld nahm mit den Fortschrittlern Verhandlungen auf, die aber von der BSG-Leitung hintertrieben wurden und nicht zum Erfolg führten. Die SV Fortschritt ließ sich schließlich in Weißenfels nieder.
Sportleiter Liesenfeld bekam bald die Quittung für seine Aktivitäten. Die zentrale Leitung der Sportvereinigung Rotation lehnte seine Wiederwahl als Abteilungsleiter der Ringer in Greiz ab. Ihm wurde verwehrt, sich der Wiederwahl zu stellen. So einfach war die „sozialistische” Demokratie.

Wieder war ein unersetzbarer Funktionär aus politischen Gründen kaltgestellt. Der Aderlass ging aber noch weiter. Viele Sportler gingen in den Westen. Schon damals erhielten die besten von ihnen lukrative Angebote. Und in Greiz gab es nun einmal viele gute Ringer. Aber auch Funktionäre wie Kurt Ditscherlein, Vereinsmitgründer 1931, zog es in den Westen. Die Politisierung des Ringkampfes in Greiz war sicher ein Grund dafür.
Ab 1956 setzten dann die „Delegierungen” ein. Die besten Sportler wurden zuerst zum Sportklub Rotation Leipzig, der bald in den SC Leipzig umgewandelt wurde, geschickt, später war der Sportclub Motor Jena Ziel der jugendlichen Ringkämpfer. Zirka 40 Nachwuchskämpfer gingen dadurch dem Greizer Ringkampf verloren, die meisten rangen nie wieder für ihre Heimatstadt.

Die nächsten Jahre seien nur kurz skizziert. 1956: Die verstärkte Greizer Mannschaft besiegt die dänischen Gäste von HIF Husum mit 5:3 Punkten. 1957 bestritt man zwei internationale Freundschaftsvergleiche. Der gegen Sparta Malmö (Schweden) ging mit 3:5 verloren, gegen Tatran Teplice (CSSR) wurde mit 6:2 gewonnen. Letzterer fand vor 3.000 Zuschauern als Freiluftveranstaltung beim Parkfest in Aubachtal statt.

Ein herber Verlust für die Greizer war die Abmeldung von Bruno Finzel, der bis zum September 1957 den Greizern die Treue hielt und erst dann dem Drängen des Verbandes nachgab. Er startete für den Rest seiner Laufbahn für seine Heimatstadt Leipzig.
In der Oberliga Gruppe A wurde nur der vorletzte Platz belegt. Die große Zeit der Greizer Ringer näherte sich vorerst ihrem Ende.

Durch die Reduzierung der Oberliga im Jahr 1958 auf eine Gruppe mit sechs Mannschaften mussten im Mai Auf- und Abstiegskämpfe um den Klassenerhalt der Oberliga durchgeführt werden. Die Wettkämpfe wurden in Dessau ausgetragen, und Greiz ging gegen Traktor Viernau und Chemie Bitterfeld ungeschlagen als Sieger hervor. Die Zugehörigkeit zur Oberliga konnte damit noch einmal gesichert werden. Auch internationale Vergleiche standen wieder auf dem Programm. Allerdings konnte in beiden Vergleichen, die in Berga und Greiz ausgetragen wurden, gegen eine Auswahl des Bezirkes Wroclaw (Polen) kein Sieg errungen werden. Fliegengewichtler Bernd Weder wird in den Olympiakader für Rom 1960 aufgenommen.

Abstieg aus der Oberliga 1959

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Bezirkseinzelmeister 1959 (klassisch)

Auch weniger Mannschaftskämpfe als früher wurden durchgeführt. Im Jahr 1959 war es dann soweit. Der Abstieg aus der Oberliga konnte nicht mehr abgewendet werden. Der Zentralismus der DDR-Sportführung hat zugeschlagen. Die Oberligastaffel bestand nur noch aus vier Mannschaften (DDR-Mannschaftsmeister Sportclub Motor Suhl/Zella-Mehlis; Sportclub Chemie Halle; die gut unterstützte BSG Motor Artern sowie die BSG Rotation Greiz).
Es wurde ein Kampf David gegen Goliath. Die unter ganz anderen Bedingungen trainierten Sportklubmannschaften waren nicht zu schlagen, selbst Artern war stärker. Greiz, seit dem Zweiten Weltkrieg in der obersten Leistungsklasse, musste absteigen. Doch noch immer registrierte man mehr Begeisterung in Greiz, als bei den künstlich geschaffenen Clubteams, mit denen sich kaum einer identifizierte. In Halle verloren sich 65 Zuschauer, während in Greiz 400 Fans die Niederlage gegen den alten Rivalen Zella-Mehlis miterlebten.

Auf organisatorischem Gebiet jedoch zeichnete sich Greiz noch immer aus. In der Sportschule wurde das bislang größte internationale Ringerturnier der DDR ausgetragen. Vertreter von sechs Nationen (Norwegen, Schweden, Dänemark, Österreich, Frankreich und beiden Teilen Deutschlands) waren bei dieser Freiluftveranstaltung am Start. Viele sahen sich später bei den Olympischen Spielen in Rom wieder. 2.000 Zuschauer waren in der Sportschule „Kurt Rödel” Zeuge der Wettkämpfe.

Bei den Jugendmeisterschaften gewann Bernd Schott die Meistertitel im freien wie auch im klassischen Stil. Auch beim Werner-Seelenbinder-Turnier wurde er von 41 Teilnehmern Sieger. In der gleichen Gewichtsklasse belegte Bernd Weder den dritten Rang. Die größte Zuschauerkulisse haben die Greizer Ringer am 27. Juni 1959, als anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt Greiz 3.000 Zuschauer die Gäste vom oberfränkischen Ring- und Stemmklub Rehau begrüßten. Gerungen wurde auf einer Holztribüne, auf dem damaligen Karl-Marx-Platz.
Drei Länderkämpfe trägt die DDR-Auswahl 1960 in Greiz aus. Gegen Bulgarien und Rumänien verlor man, Schweden wurde besiegt. Zum ersten Mal rangen die Greizer Sportler in der DDR-Liga und kamen hinter Dynamo Dresden und der zweiten Mannschaft des SC Motor Jena auf Platz drei. In Irchwitz wurde 1961 eine Schulsportgemeinschaft mit einer Sektion Ringen gegründet, aus der in der Zukunft noch eine ganze Reihe erfolgreicher Ringer hervorkommen sollte.

In der DDR-Liga wurde Greiz Staffelsieger. Um in die Oberliga aufsteigen zu können, musste man sich gegen die BSG Aktivist Borna durchsetzen. In Borna wurde unentschieden gerungen, im Rückkampf in Greiz unterlag man 7:9 und schied aus. Erstmals wurde auch bei den Bezirksmeisterschaften kein erster Platz errungen. Vor allem auf organisatorischem Gebiet gab es Probleme. Hier mussten, da sich andere Sportfreunde nicht beteiligten, alle anfallenden Arbeiten von zwei Sportfreunden bewältigt werden. Dies waren Ernst Weder und Rudi Thümmler. Trotzdem wird noch ein Länderkampf in Greiz organisiert, den die estnische Sowjetrepublik klar gewinnt.

In der DDR-Liga (1962) — Gruppe vier belegte Rotation Greiz hinter der zweiten Mannschaft des SC Motor Jena den zweiten Platz. Hans Weder wird DDR-Studentenmeister im Federgewicht. Fliegengewichtler Gerhard Lämmer wurde Zweiter beim internationalen Werner-Seelenbinder-Turnier in Leipzig in der Jugendklasse.

Die DDR-Jugendmeisterschaften des klassischen Stils im Jahr 1963 kamen in der Greizer Sportschule „Kurt Rödel” zur Austragung. Der Greizer Fliegengewichtler Gerhard Lämmer belegte den ersten Platz. Die Mannschaft konnte in ihrer vorerst letzten DDR-Liga-Saison einen mittleren Tabellenplatz belegen.

Ringeridol Kurt Hoffmann tritt ab

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Werner-Seelenbinder-Gedenk-Turnier 1961

Im Herbst 1963 nahm der erfolgreichste Greizer Ringer Kurt Hoffmann kurz vor seinem 50. Geburtstag offiziell von seiner aktiven Laufbahn Abschied, was ihn aber nicht daran hindern sollte, auch noch einige Jahre später, wenn Not am Mann war, seiner Mannschaft den Rücken zu stärken. Kurt Hoffmann war mit neun DDR-Meistertiteln sowie sechs Medaillen bei Deutschen Meisterschaften zwischen 1940 und 1953 erfolgreich. Dabei muss man noch berücksichtigen, dass seine besten Ringkampfjahre durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhindert wurden. Kurt Hoffmann hat als aktiver Ringer den Ruf der Stadt Greiz als Ringerhochburg in Deutschland mitbegründet. Als erster Ringer erhielt er 1954 die Auszeichnung „Meister des Sportes”.

Nach dem Rücktritt von Kurt Hoffmann wurde das Halbschwergewicht ab November 1963 von dem aus Jarmen (Mecklenburg) nach Greiz gezogenen Wilhelm Steinführer besetzt. Er hatte während eines Trainingslagers in Greiz seine Frau, eine Greizerin, kennen gelernt, und zog nach der Heirat hierher. Er sollte später noch eine wichtige Rolle für den Greizer Ringkampfsport spielen. Ab September 1963 wurde die Oberliga und DDR-Liga aufgelöst und alle Mannschaften in Bezirksligen eingeordnet. Im Bezirk Gera waren das die erste und zweite Mannschaft des Sportclubs Motor Jena, Rotation Greiz, Chemie Pausa, Motor Süd Gera, Wismut Gera, Stahl Maxhütte und Stahl Eisenberg. In dieser Reihenfolge wurden auch die Plätze belegt. Nach einem speziellen Teilnehmerschlüssel wurden die erstplatzierten Mannschaften der Bezirke in vier weitere Staffeln aufgeteilt, deren Sieger dann auf den DDR-Mannschaftsmeister ermittelten.

Da zweite Mannschaften keine Startberechtigung erhielten, vertrat Rotation Greiz 1964 neben dem SC Motor Jena I unseren Bezirk. Hier konnte Greiz allerdings nach je einem Sieg über Aktivist Holzweißig, Aktivist Zwickau und Motor Tambach-Dietharz und Niederlagen gegen den SC Leipzig, Motor Zella-Mehlis nur einen hinteren Platz belegen. Diese Art der Meisterschaftsführung brachte zwar die Spitzenmannschaften auch zu kleineren Betriebssportgemeinschaften und popularisierte so in gewisser Hinsicht das Ringen, aber die Leistungsunterschiede zwischen den professionell geführten Sportklubs und den Freizeitsportlern waren zu groß.

Greiz konnte 1965 die zweite Mannschaft des SC MotorJena aus eigener Kraft in der Bezirksliga hinter sich lassen und belegte hinter der überragenden Mannschaft des SC Motor Jena den zweiten Platz. In der nächsten Runde warteten mit dem SC Leipzig und dem SC Motor Zella-Mehlis übermächtige Gegner auf die Rotationer, die von vornherein nicht zu schlagen waren. Leider zogen Chemie Leuna und Dynamo Erfurt ihre Mannschaften zurück. Im Kampf um den dritten Tabellenplatz wurde gegen Aktivist Oelsnitz knapp mit 3,5:4,5 verloren.
Bei der Bezirksspartakiade wurde stark abgeschnitten. Die Ringer erkämpften hinter den Schwimmern die zweitmeisten Punkte für den Kreis Greiz. Nach achtjähriger Tätigkeit legte Ernst Weder seine Funktion als Sektionsleiter nieder. Als sein Nachfolger wurde Rudi Thümmler gewählt.

Rudi Thümmler übernimmt schweres Amt

Rudi Thümmler kam Anfang der 40er Jahre zum Ringen. Schon als Jugendlicher stellten sich bei ihm die ersten Erfolge ein. Obwohl er während der fünfziger Jahre nicht zur Stammbesetzung der ersten Greizer Mannschaft gehörte, blieb er dem Ringkampf bis zu seinem Lebensende treu. Kaum ein Funktionär des Greizer Sportes hat jemals so viele Aufgaben erfüllt. Rudi war jahrelang Jugendwart, Trainer, Kampfrichter, Kampfrichterobmann des Bezirkes Gera, Mitglied des Bezirksfachausschusses Ringen und vor allem 25 Jahre lang Sektionsleiter der Greizer Ringer. Ihm gebührt das Verdienst, auch in der schwierigsten Zeit für den Greizer Ringkampfsport, in den siebziger Jahren, wo erstmals seit Vereinsgründung keine Mannschaft mehr an Punktekämpfen teilnahm, die Fahne hochgehalten und für den Fortbestand der Sektionen gesorgt zu haben. Man kann ohne Übertreibung sagen, ohne Rudi Thümmler gäbe es heute keine Bundesligakämpfe in Greiz.

Der bisherige Austragungsmodus zur Ermittlung des Mannschaftsmeisters hatte zwar viele Wettkämpfe gebracht, aber die Favoriten waren bei den meisten Wettkämpfen klar vorgezeichnet, ja, Klassenunterschiede traten zutage. Die meisten BSG-Mannschaften waren nur „Kanonenfutter” für die Sportklubstaffeln. So wurde aus den Sportklubs eine Staffel der Meisterklasse gebildet, die ihre Mannschaftsmeisterschaften unter sich austrugen. Vergleiche zwischen Clubmannschaften und Teams der Betriebssportgemeinschaften gab es praktisch nicht.

Diese Schranken wurden erst nach dem Fall der Mauer ab September 1990 aufgehoben, als erstmals wieder gemeinsam in der ersten Verbandsliga gerungen wurde.
Für die BSG-Mannschaften wurden 1966 die Oberligen und DDR-Ligen gegründet, die es getrennt nach Stilarten für den klassischen und freien Ringkampf gab. Darunter gab es die Gruppenligen, die den heutigen Landesligen entsprechen. Hier wurde anfangs noch abwechselnd im freien und klassischen Stil gerungen. Freier Ringkampf oder klassischer Stil — die Führung des Deutschen Ringerverbandes der DDR musste bei ihrem allmächtigen Herrn und Meister, dem Sportminister Manfred Ewald, Erfolge vorweisen. Als Mittel dazu sah man in den Chefetagen die Spezialisierung an. Bis dahin wurden in den Gemeinschaften und Clubs beide Stilarten nebeneinander betrieben. Einige Sportler hatten sich auf den klassischen Stil spezialisiert, einige auf den freien, andere betrieben beide Stilarten nebeneinander. Nun mussten sich Klubs und Gemeinschaften für eine Stilart entscheiden.

In Deutschland wurde traditionell der klassische Stil bevorzugt, in der alten Ringerhochburg Greiz war es nicht anders. Die großen Erfolge der fünfziger Jahre wurden im griechisch-römischen Stil erzielt. Nun stand die Spezialisierung bevor. Was tun? Im Sommer 1963 kam der Ex-Greizer Aladar Hepner wieder in seine Heimatstadt zurück. Als Jugendlicher war er zum Sportclub Leipzig delegiert worden. Dort wurde er DDR-Fliegengewichtsmeister. Der SC Leipzig zählte in dieser Zeit zu den stärksten Freistilclubs der DDR. Der Greizer wurde in der Messestadt zu einem hochklassigen Freistilringer ausgebildet. Nun in seine Heimatstadt zurückgekehrt, übernahm er von Otto Arndt das Traineramt der ersten Mannschaft. Eine Hinwendung zur freien Stilart zeichnete sich ab. Als 1966 der Aufstieg in die DDR-Liga (Freistil) geschafft war, zog die Vereinsleitung ohne Wissen der Sportler aus finanziellen Gründen die Mannschaft zurück.

Aufschwung nur bei der Jugend

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Werner-Seelenbinder-Gedenk-Turnier 1961

Ab 1969 wurde auch die Gruppenliga in verschiedene Stilarten geteilt. Von dieser Zeit, bis zur Bildung der ersten Verbandsliga nach der politischen Wende im September 1990, starteten die Greizer Ringer nun im freien Ringkampf. Viele ältere Greizer Sportler, die in ihrer Jugend hauptsächlich dem griechisch-römischen Ringkampf huldigten, hatten missmutig noch in Kauf genommen, in wechselnden Stilarten zu ringen. Als nun nur noch der freie Stil auf dem Programm stand, war das für sie ein Grund, die Ringerschuhe an den Nagel zu hängen.
Es gab gute Nachwuchsarbeit im Verein, Ulrich Beims wurde 1966 DDR-Jugendmeister und Dritter im gleichen Jahr bei der ersten Kinder- und Jugendspartakiade. Zwei Jahre später qualifizierten sich schon sieben Sportler für die zweite DDR- Spartakiade in Berlin. Fünf davon platzierten sich unter den ersten sechs. 1969 wurde das Trainingszentrum Ringen aus der Taufe gehoben. Als Übungsleiter waren Aladar Hepner und Herbert Tellbach tätig. Bald stellten sich bei Bezirks- und DDR-Spartakiaden weitere Erfolge ein. Größter Erfolg in dieser Hinsicht war die vierte DDR-Spartakiade in Berlin 1972, als Greiz 18 Kämpfer in der DDR-Hauptstadt an den Start brachte, die mit 25 Punkten den dritten Platz in der BSG-Wertung erkämpften. Der heutige Nachwuchstrainer, Andreas Mattern, gewann als erfolgreichster Teilnehmer eine Goldmedaille.

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1. Mannschaft 1968. Von links: G. Lämmer, G. Lippke, H. Grimm, D. Scherf, W. Birk, U. Beims, G. Güter, W. Steinführer

Seit zwei Jahren konnte Gera keine volle Mannschaft mehr für die Punktkämpfe stellen, so verstärkten drei Geraer Sportler (Roland Brückner, Roland Schneegaß und Paul Dinter) die Greizer. Die Rotationsstaffel gewann durch die Zugänge ungemein an Kampfkraft. DDR-Juniorenmeister Roland Schneegaß, in allen Wettkämpfen Sieger, wurde durch seine schnellkräftige und offensive Kampfweise zum Publikumsliebling. Trotz der Steigerung der Mannschaft in dieser Zeit scheiterte man zweimal gegen IMO Merseburg in der Aufstiegsrunde. Merseburg besaß damals eine sehr starke Mannschaft mit vier, fünf ehemaligen Nationalkadern. Nach dem Aufstieg wurde von Merseburg der erste Platz in der DDR-Liga und ein Jahr später ein vorderer Platz in der Oberliga erkämpft.

1977: Der Tiefpunkt ist erreicht

Mehrmals wurde nun Anlauf zum Aufstieg in die DDR-Liga im freien Ringkampf genommen, aber jedesmal ohne Erfolg. Die Gegner waren einfach zu stark. Was waren die Ursachen? Der erfolgreiche Greizer Trainer Aladar Hepner hatte zwar die freie Stilart in Greiz eingeführt, hatte sein Traineramt bei der Männermannschaft aber nach einer Serie von Misserfolgen und Undiszipliniertheiten in der Mannschaft aufgegeben. Wie nach der Wende so manches griechisch-römische Team waren die Greizer zu dieser Zeit noch nicht in der Lage, sich selbst am Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen. Es gab einfach keine Fortschritte im freien Stil.

Der Tiefpunkt folgte auf dem Fuß. Erstmals seit Gründung des jetzigen Vereines 1931 konnte die BSG Rotation Greiz 1977 keine Mannschaft mehr für die Punktkämpfe stellen.
Nur der Initiative des Sektionsleiters Rudi Thümmler war es zu verdanken, dass in den nächsten Jahren der Ringkampf in Greiz überlebte und ihm ein Schicksal wie dem der Stadt Netzschkau, wo der Ringerverein völlig von der Bildfläche verschwand, erspart blieb. In den fünfziger Jahren noch erfolgreich in der Oberliga, ist in dieser Zeit keine Spur mehr vom traditionellen Ringkampf in der Stadt zu entdecken. Der langjährige Schwergewichtsringer Wilhelm Steinführer war es, der die Initiative zum Aufbau einer neuen Mannschaft in Greiz ergriff.

1983: Aufstieg nach 17 Jahren

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Die 1. Mannschaft 1971 beim Aufstiegskampf gegen IMO Merseburg. Von links: J. Malz, R. Brückner, W. Grünert, G. Schumann, R. Schneegaß, M. Lippke, W. Birk, P. Dinter, K. Wagner, W. Steinführer.

Als kaum noch jemand daran glaubte, dass sich der Greizer Ringkampfsport aus seiner Lethargie befreien würde, ergriff der ehemalige Schwergewichtsringer der Greizer Mannschaft, Wilhelm Steinführer, die Initiative. Er begann eine neue Staffel aufzubauen. Zurückgekehrte Sportler vom Sportclub Motor Jena motivierte er zum Weitermachen, dazu brachte er noch einige Ringer aus anderen Vereinen, die in ihrer Heimatstadt keine Möglichkeit hatten, in einer Mannschaft zu starten, nach Greiz.
Im ersten Jahr, 1982, wurde in der Gruppenliga zwar der erste Platz belegt, die Aufstiegskämpfe zur DDR-Liga gingen aber in der Gesamtwertung gegen die BSG Empor Zöblitz noch daneben. Ab 1. September 1982 übernahm derfür die BSG Wismut Aue in der Oberliga startende und in Mohlsdorf wohnende Erhard Schmelzer zweimal wöchentlich das Training in Greiz. Erfolge stellten sich bald ein. Bei der DDR-Bestenermittlung der Senioren, diese Meisterschaften wurden von 1975 bis 1989 als DDR-Meisterschaften für BSG-Mannschaften durchgeführt, konnten die Greizer 1983 hinter den sieben Oberligamannschaften des freien Stiles den achten Platz im DDR-Maßstab erkämpfen. Alle DDR-Liga-Mannschaften konnten die Greizer hinter sich lassen.

Am 30. April 1983 war die aus der Oberliga abgestiegene Mannschaft des Mansfeldkombinates Eisleben erster Kontrahent um den Aufstieg zur DDR-Liga des Freien Ringkampfes. Im Vergleich in Eisleben unterlag Rotation knapp mit 18:21 Punkten. Eine Woche später, beim Rückkampf in Greiz, wurde der Gegner förmlich von der Matte gefegt. Die Greizer gewannen die unteren sieben Gewichtsklassen (davon sechs Schultersiege) und führten bereits mit 27,5:0,5. Trotz einer Resultatsverbesserung der Eislebener in den oberen Gewichtsklassen kamen die Rotationer mit einem 27,5:11,5-Sieg klar in die zweite Runde, in der dann die BSG Empor Zöblitz der Gegner war. Bereits im Auswärtskampf im Erzgebirge konnten die Greizer mit einem 26:14-Sieg eine Vorentscheidung um den DDR-Liga-Aufstieg erzwingen.
Am 18. Juni 1983 zum Rückkampf glich die Jahnturnhalle einem Hexenkessel. Die wettkampfhungrigen Greizer Zuschauer kamen in Scharen und feuerten ihre Mannschaft begeistert an, der Enthusiasmus und die Begeisterungsfähigkeit des Greizer Publikums sollten bald von jeder Gastmannschaft gefürchtet werden. Trotz eines 0:12- Rückstandes machte Rotation Greiz mit einem 23:16,5-Sieg alles klar und erkämpfte nach 17 Jahren der Unterklassigkeit und vielen vergeblichen Anläufen erstmals wieder die Angehörigkeit zur DDR-Liga.

Nach Jahren der Stagnation begann ein Jahrzehnt des Aufstieges für den Greizer Ringkampfsport. Folgende Sportfreunde erkämpften den Aufstieg in die DDR-Liga 1983 und kämpften auch im ersten DDR-Liga-Jahr: Siegfried Bacher, Frank Mühlbauer, Frank Böttger, Jörg Knopfe, Gerd Matzat, Ronny Schneider, Frank Schüler, Silvio Kraut, Jens Geißler, Andreas Läster und Harald Gräfe. Sektionsleiter war Rudi Thümmler, Trainer Erhard Schmelzer und Mannschaftsleiter Wilhelm Steinführer.

Im Oktober 1983 stand dann nach langer Zeit der erste DDR-Liga-Punktkampf an. Bei IMO Merseburg konnte mit 23:16 gewonnen werden.
Das, was als Abenteuer begann, konnte durch fleißige Arbeit Jahr für Jahr untermauert werden. Greiz etablierte sich in der DDR-Liga und wurde bald nicht mehr als Abstiegskandidat gehandelt. Grundlage dafür war die gute Jugendarbeit. Mit dem ehemaligen Spartakiadesieger Andreas Mattern übernahm ein engagierter Trainer die Arbeit im Trainingszentrum. Erfolge stellten sich auch bald ein. Platz um Platz konnte man sich bei Bezirksspartakiaden und anderen Wettkämpfen in der Mannschaftswertung nach vorn schieben, bevor man dann kurz vor der Wende wieder an der Spitze mitringen konnte.

Aber nicht nur die Kinder bis zum 13. Lebensjahr, wie es das sozialistische Sportsystem vorsah, wurden gefördert, auch ältere Jugendliche wurden weiter betreut und systematisch an höhere Aufgaben herangeführt. So konnte ab der Saison 1985/86 eine zweite Männermannschaft ins Leben gerufen werden, die als eine der wenigen Reservemannschaften auf dem Gebiet der ehemaligen DDR die Wende überlebt hatte. In ihr wurden hauptsächlich Nachwuchsringer eingesetzt.

Als einzige Freistilmannschaft der DDR starteten die Greizer Jugendringer Ende der 80erJahre in der Jugendliga des klassischen Ringkampfes. Unter der fachlichen Anleitung von Hans-Peter Zipfel, in seiner Jugend selbst Medaillengewinner bei DDR- Meisterschaften im klassischen Ringkampf, wurde zuerst der dritte, dann der zweite und im letzten Jahr ihres Bestehens, kurz vor der Wende, der erste Platz belegt. Das gute Abschneiden der Greizer Ringer in diesen Jahren in beiden Stilarten ist auch auf diese Wettkämpfe im klassischen Stil zurückzuführen. Auch die so lange vermissten Wettkämpfe auf internationaler Ebene wurden wieder eingeführt. Nach Wettkämpfen mit Mannschaften aus Polen waren es ab Mitte der 80er Jahre die Vergleiche mit den ungarischen Sportfreunden aus Kecskemet, die für volle Hallen sorgten.

Die Greizer Bevölkerung hat als Bewohner der ehemaligen Ringerhochburg eine besondere Beziehung zum Ringkampfsport. Kamen die Greizer früher im wahrsten Sinne des Wortes zu Tausenden, um ihre Mannschaft Anfang der fünfziger Jahre im klassischen Stil siegen zu sehen, jubelte man nun den Freistilringern zu. Bereits im ersten Jahr der DDR-Liga hatten die Greizer Ringer mehr Zuschauer, als manch „alteingesessene” Oberligamannschaft.

Großartig vom Publikum unterstützt, konnte der erste Heimkampf gegen den Oberligaabsteiger, die bestens vom Trägerbetrieb VEB Robotron unterstützte BSG Robotron Sömmerda, mit 21,5:17,5 Punkten besiegt werden.

Aus der erfolgreichen Greizer Mannschaft stachen die Sportfreunde Harald Gräfe, Jörg Knopfe und Ronny Schneider besonders hervor, sie brachten das Kunststück fertig, alle Kämpfe der Saison zu gewinnen.

1989: Nach 30 Jahren Spitze wieder erreicht

Zum ersten Mal seit 1959 starteten die Greizer Ringer im September 1989 — nur einige Wochen vor den entscheidenden politischen Ereignissen in Deutschland — in der höchsten Leistungsklasse.
Die Saison übertraf alle Erwartungen. Hinter dem 2-fachen DDR-Mannschaftsmeister Stahl Hennigsdorf belegte Rotation Greiz den zweiten Platz in der Oberliga des freien Ringkampfes. Traditionsreiche Mannschaften, die teilweise jahrelang in der Oberliga gerungen hatten, konnten die Greizer auf die Plätze verweisen.
Die Aktiven von Rotation hielten auch nach Öffnung der Grenzen ihrem Verein die Treue. Vollständig fuhr die Mannschaft am 10. November 1989, dem zweiten Tag der offenen Grenze, zum Oberliga-Vergleich nach Sömmerda.

Vorreiter beim deutsch-deutschen Sportverkehr

Auch beim deutsch-deutschen Sportverkehr waren die Greizer Ringer die Vorreiter. Als erster Jugendvergleichskampf zwischen der DDR und der BRD fand am 23. August 1989 der Kampf zwischen Johannis Nürnberg und Greiz als Vorkampf zum Endkampf in der 2. Bundesliga statt. Erstmals erlebten die Greizer das Fluidum in einer bis auf den letzten Platz gefüllten Halle.
Im Januar 1990 fand als erster deutsch-deutscher Seniorenvergleich der Kampf des deutschen Rekordmeisters ASV Heros Dortmund gegen die BSG Rotation Greiz statt. Die Greizer Ringer revanchierten sich dabei für die Niederlage im Kampf um die Deutsche Meisterschaft in den fünfziger Jahren. „Alle reden von Krise, wir nicht”, hätte den Nagel auf den Kopf getroffen.

Das Jahr 1990 stand im Zeichen des deutsch-deutschen Sportverkehrs. Erstmals seit Abbruch der Beziehungen im August 1961 war es den Sportlern aller Sportarten bis hinunter zur untersten Leistungsklasse möglich, mit Sportlern aus dem anderen Teil Deutschlands Vergleiche auszutragen. Doch bei den leistungsorientierten Greizer Ringern wich die Freude wie bei vielen anderen Mannschaften bald einer großen Enttäuschung. Zu ungleich waren die Bedingungen: Die sportlichen Vergleiche wurden meist als Hin- und Rückkampf ausgetragen.
Mehrere hundert Ringer aus dem Osten gingen in westliche Vereine. Die Greizer beendeten so, abgesehen von zwei Kämpfen gegen Hallbergmoos, die Freundschaftskämpfe gegen westliche Vereine.

Verbandsliga 1990: Erstmals wieder mit den Sportklubs

In der untergehenden DDR ging es ab dem 8. September in der Verbandsliga um die Meisterschaft im Osten. In der Gruppe Süd kämpften sie erstmals wieder gegen den Sportklub Leipzig und den Sportclub Motor Jena. Die BSG Chemie Pausa und der 22-fache Oberligameister BSG Wismut Aue vervollständigten die Staffel. Der ebenfalls vorgesehene Sportclub Motor Zella-Mehlis zog vor Beginn der Runde seine Mannschaft zurück. Die Kämpfe wurden nach Bundesligasystem mit wechselnden Stilarten ausgetragen. Leipzig gewann vor Jena. Greiz wurde vor Aue und den sieglosen Pausaern Dritter.

Die Finalkämpfe der beiden Ersten des Südens gegen die beiden Ersten des Nordens, Luckenwalde und Frankfurt/Oder, wurden von den Mannschaften der Südstaffel boykottiert. Die Nordmannschaften erschienen zu stark. Durch dieses unsportliche Manöver sicherte sich der SC Leipzig den Aufstieg in die 1. Bundesliga Staffel Süd. Luckenwalde kam in die Staffel Nord. Die weiteren Teams der Verbandsliga wurden in die 2. Bundesliga eingeteilt.

Ab 1991: Die Bundesliga

Am 17.08.1991 absolvieren die Greizer Ringer in der heimischen Jahnturnhalle ihren ersten Kampf in der 2. Bundesliga mit den Mannschaften aus Thüringen und Sachsen. Der SV Lok Altenburg wird 22,5:12 besiegt. Obwohl am 20. November erstmals die Kampfgemeinschaft TuS Jena/Kahlaer Ringerverein geschlagen wurde, belegten die Greizer am Ende der Saison hinter der KG den zweiten Platz. Nicht anders sah es 1992 und 1993 aus. In den Jahren 1994 und 1995 wurde dann der Staffelsieg erkämpft. Bereits 1993 hatten die Aufstiegskämpfe zur 1. Bundesliga (2. Platz hinter Aufsteiger Oftersheim) für einen neuen Ansturm der Zuschauer gesorgt. Diese Kämpfe, wie die jährlichen Vergleiche mit dem Erzrivalen TuS Jena, mussten, um allen Zuschauern Zutrittsmöglichkeiten zu verschaffen, in der Sporthalle „Kurt Rödel” ausgetragen werden.

70 Jahre RSV Rotation Greiz
Bundesligamannschaft 1999. V.l.n.r.: E. Oldag, I. Schubert, A. Schrader, A. Weber, T. Hempel, E. Hüttig, J. Wrensch, S. Wrensch, R. Oehme, S. Hoemeke, M. Kittner, J. Wappler

70 Jahre RSV Rotation Greiz
2. Mannschaft. V.l.n.r.: S. Schlegel, F. Schüler, R. Rüger, P. Klug, M. Huhle, R. König, F. Oldag, St. Goebel, A. Jakob, A. Zischka, J. Bobek, M. Klug

Ab 1996 wurde auf Betreiben des deutschen Mannschaftsmeisters Goldbach eine eingleisige 1. Bundesliga eingeführt und die 2. Bundesliga auf 4 Staffeln verkleinert. Greiz rang nun in einer viel stärkeren Staffel mit den 4 Teams aus Bayern. Neuzugang Johannes Wrensch verletzte sich im ersten Kampf und fiel die ganze Saison aus. Greiz belegt nur Platz 7.
In den Folgejahren kommt Greiz Weder in die Nähe der Tabellenspitze und belegt die Plätze 3, 2 und noch mal 3. Da nun im Ringerbund und bei den Vereinen wieder die Vernunft gesiegt hatte und wieder eine zweigleisige 1. Bundesliga eingeführt wurde, gehörte Greiz am 18. Dezember 1999 zu den Aufsteigern.

Die erste Saison in der deutschen Eliteliga wurde ein voller Erfolg für den RSV Rotation Greiz/Mohlsdorf. Als bester Aufsteiger belegt Greiz mit nicht erwarteten Siegen über Spitzenmannschaften wie Halle und Witten den 6. Tabellenplatz in der Staffel Nord. Für die nun laufende zweite Saison in der höchsten deutschen Klasse hat sich die Mannschaft, nachdem einige Stammkräfte aus unterschiedlichsten Gründen ausfielen, weiterverstärkt. Mit drei Siegen zum Auftakt hat der RSV sogar die Chance, die Endrunde um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft zu erreichen.
Das Schicksal der zweiten Greizer Vertretung in der Landesliga Thüringen war wechselhaft. Wurde im Startjahr 1991 der 2. Platz belegt, fiel man 1993 und 1994 auf den letzten Tabellenplatz zurück. 1995 landete man auf Platz 3, ein Jahr später gab es die Silbermedaille und 1997 konnte mit dem Staffelsieg in der Thüringenliga der Aufstieg in die 1995 gegründete Oberliga Thüringen/Sachsen gefeiert werden.

Nach dem 6. Platz 1998 in der Oberliga gelang ein Jahr später mit dem zweiten Rang der Aufstieg in die Regionalliga Mitteldeutschland, in der zum Einstieg 2000 ein dritter Platz gelang. Mit einer weiter verjüngten Mannschaft wird es schwer werden, diese Platzierung zu halten. Hauptziel dieser Mannschaft ist es aber nicht, sich in der Tabelle möglichst weit oben zu platzieren. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Entwicklung und Förderung veranlagter Nachwuchsringer, die eines Tages in der ersten Mannschaft des RSV Rotation Greiz ringen sollen.

Quo vadis RSV?

Wohin wird der Weg des RSV Rotation Greiz in Zukunft führen? Diese Frage bewegt sowohl die Ringkampfanhänger als auch die Wettkämpfer und die Vereinsleitung.
Seit der politischen Wende in Deutschland hat der Ringkampf in Greiz an Stellenwert gewonnen, wie man es wohl nicht einmal zu träumen wagte. Nach neun erfolgreichen Jahren in der 2. Bundesliga, wurde in der Vorsaison erstmals in der höchsten deutschen Leistungsklasse, der 1. Bundesliga gerungen. Wer hätte 1980 geglaubt, dass Greiz Halle und Witten besiegt? Die Zuschauer konnten es im Vorjahr in der renovierten Sporthalle „Kurt Rödel” erleben. Und nirgends ist die Begeisterung so groß wie in Greiz. Keine deutsche Ringermannschaft hatte im Vorjahr mehr Zuschauer in der normalen Runde als die Greizer. Der Hauptsponsor des RSV ist die Bevölkerung. Davon können selbst die Traditionsmannschaften nur träumen.

Die Entwicklung des Greizer Ringkampfsportes nach der Wende vollzog sich planmäßig Schritt für Schritt. Es gibt genügend Beispiele, dass Vereine beim Nach-oben-Klettern mehrere Stufen ausließen und dabei unsanft auf die Nase fielen.
Logischerweise ist die Erwartungshaltung nach dem 6. Platz im Vorjahr gestiegen. Die bisherigen Kämpfe geben den Optimisten Recht. Mit den Spitzenvereinen aus den alten Bundesländern kann sich der RSV hinsichtlich des wirtschaftlichen Hintergrundes nicht messen. Bei der Endrunde um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft des Vorjahres dominierten ganz klar die vier der Südstaffel.

70 Jahre RSV Rotation Greiz
Kampfszene M. Kittner (Greiz/Halbergmoos)

Dafür war nicht nur die Qualität der Ringer und Trainer verantwortlich, sondern auch die Fähigkeit der Vereine, sich im richtigen Augenblick mit teuren Weltspitzensportlern zu verstärken. Den Vereinen der Nordstaffel, auch Witten, war das beim besten Willen nicht möglich.
Von den 20 in den sechs Endrundenkämpfen des deutschen Meisters KSV Germania Aalen eingesetzten Sportlern kam einer aus Bulgarien, neun aus EU-Ländern, drei weitere, wie der polnische Olympiasieger Wolny wurden eingebürgert. Dem hatte die Konkurrenz nichts entgegenzusetzen. Auch beim RSV hat die Anzahl der ausländischen Sportler zugenommen. Im Vorjahr wurden neben Victor Peikow auch drei EU-Ringer eingesetzt. In der neuen Saison kamen bisher fünf Ausländer zum Einsatz. Was sind die Gründe? Für die oberste deutsche Leistungsklasse mit den vielen deutschen und ausländischen Spitzenringern ist es kaum möglich, Sportler mit adäquaten Leistungen zu finden. Vereine, bei denen sich ein Bundesstützpunkt bzw. ein Olympiastützpunkt mit angeschlossener Sportschule befindet (man denke nur an Luckenwalde, Halle oder Jena), haben es da leichter, können sie doch gezielt auf Talente mehrerer Bundesländer zurückgreifen.
Und der eigene Nachwuchs? Es ist die meist gestellte Frage im deutschen Sport. Die Leistungsbereitschaft der Jugendlichen gerade auf sportlichem Gebiet wird republikweit immer mehr in Zweifel gezogen. Und der Ringkampfsport ist sicher eine der härtesten Sportarten und die wirklichen Erfolge kommen erst zum Schluss. Der Autor dieser Zeilen hatte die Möglichkeit, kurz nach der Wende in Schifferstadt eine normale Unterrichtsstunde im Sport zu erleben. Was er sah, konnte er kaum glauben. Man konnte den Eindruck haben, jeder Sportler tat nur was er wollte. Dieses Niveau haben wir anscheinend auch bald erreicht.

70 Jahre RSV Rotation Greiz
Victor Peikow im Kampf Greiz gegen Leipzig.

In Greiz wird seit fast 20 Jahren sehr viel für den Nachwuchs getan. In jungen Jahren gelingen unseren Talenten auch viele Erfolge. Bei den Erwachsenen wird mit anderem Maß gemessen, dort blieben die Erfolge der Greizer Nachwuchsringer überschaubar. Schule, Lehre, Arbeit mit Überstunden (manchmal in Schichten), Freundin und Hobbys zusammen mit (fast täglichem) Training und Wettkampf unter einen Hut zu bringen, gelang nur den wenigsten. Dazu gehört auch eine gesunde Lebensweise. Und je älter die Ringer werden, um so härter wird das Training. Herbert Kittner, der Vater unseres deutschen Vizemeisters Martin Kittner, sagte dazu: „Martin war bei weitem nicht das größte Talent in Goldkronach. Aber alle anderen haben irgendwann aus den unterschiedlichsten Gründen aufgegeben. Wenn die Eltern nicht voll dahinterstehen, auch in der Lebensweise Vorbild sind, die Trainer die Sportler nicht ständig motivieren und ihnen die Liebe zu ihrer Sportart einpflanzen, kommt oben keiner an.” Der RSV Rotation Greiz wird sich der Herausforderung stellen und hat wohl eine der jüngsten Regionalligamannschaften Deutschlands. In Zukunft soll zielgerichteter mit den veranlagten Jugendlichen gearbeitet werden.

Die im Schatten sieht man nicht

Bei den vielen Wettkämpfen stehen logischerweise die Sportler im Mittelpunkt des Interesses der Zuschauer und der Medien. Zu einer Ringkampfveranstaltung gehört aber mehr als das Aufbauen einer Matte und zehn Kämpfe.
Die Sporthalle „Kurt Rödel” erstrahlt seit dem Vorjahr dank der Initiativen von Stadt und Landkreis im neuen Glanz. Die Halle kann sich, auch wenn man einen bundesweiten Maßstab anlegt, schon sehen lassen. In diesem Jahr kam nun noch die Gestaltung von Parkflächen hinzu, die im Verein mit der Verkehrsleitung an Wettkampftagen den Zuschauern gute Bedingungen bieten.
Die Vorbereitung auf den Kampf ist für die Vereinsmitglieder trotzdem eine Heidenarbeit. Die außerhalb der Halle gelagerte Matte und die Tribüne muss am Sonnabend auf und am Sonntag abgebaut werden. 20 Vereinsmitglieder benötigen für alle Aktivitäten jeweils ca. 4 Stunden.

Die Arbeit mit der Verpflegung von Wettkämpfern, Gästen und Zuschauern ist damit nicht mit einbezogen. Die Versorgung mit Speisen und Getränken ist einer der wichtigsten Zweige bei der Eigenerwirtschaftung von finanziellen Mitteln. Neun Heimkämpfe gibt es in der Bundesliga, dazu kommen zwei Freundschaftskämpfe, ein Wettkampftag bei den Thüringenmeisterschaften, das Vogtlandpokalturnier der Jugend und vielleicht noch ein internationaler Freundschaftskampf. Zirka 15mal im Jahr muss die Verpflegungsbrigade ran, bei Mannschaftskämpfen, die spezielle Vorbereitung nicht mitgerechnet, von 14 bis 22 Uhr, bei Turnieren von 8 bis 18 Uhr.

An dieser Stelle will sich der Verein stellvertretend bei folgenden Sportfreundinnen und Sportfreunden für alle ihre Aktivitäten seit mehr als einem Jahrzehnt recht herzlich bedanken:
Cornelia und Bernd Klug, Birgit und Udo Grecksch, Dieter Boxhorn, Maria Steinführer, Heidi Lippke, Brigitte Rüger, Margit, Janine und Wolfgang Schlegel, Monika und Gerthold Lachmann, Bigit Böttger, Antje Schüler, Gerhild Schultes, Anni und Fritz Mattern, Inge Thümmler, Lutz Hyneck, Horst und Sabine Kratochwill.

Seit vielen Jahren eine starke Gemeinschaft
• Landkreis Greiz
• Stadt Greiz
• FINSTRAL
• Sparkasse Gera-Greiz
• ZIBA Zipfel-Bau
• Heizungsbau Paul Schenderlein
• Baufachhandel Heidrich
• Vereinsbrauerei Greiz
• Autohaus Fröde & Rüger
• K&K City-Sound
und viele weitere Gönner des Greizer Ringkampfsports

Erhard Schmelzer