Uwe Neupert: „Würde mich wieder dem Leistungssport verschreiben“

Talk im Schloss mit Welt- und Europameister Uwe Neupert
Rundum zufrieden: Uwe Neupert.

Ringeridol Uwe Neupert stellte sich bei „Talk im Schloss“ den zahlreichen Fragen der Gäste

GREIZ. Bis auf den letzten Platz gefüllt war am Freitagabend der Weiße Saal im Unteren Schloss beim „Talk im Schloss“. Gesprächsgast von Moderator Frank Böttger war mit Uwe Neupert der erfolgreichste Ringer Deutschlands, der in Greiz mit dem Ringkampfsport begann. Der 1957 als eines von fünf Geschwistern in Greiz Geborene wurde mit 13 Jahren von seinem älteren Bruder Erich mit zum Training bei der BSG Rotation Greiz genommen. 1972 wurde der Anfänger bei der B-Jugend bereits Sechster der DDR-Meisterschaft und ließ bei vielen Wettkämpfen seine sportliche Veranlagung erkennen. Nach Abschluss der zehnten Klasse wollte er am Leistungszentrum in Jena trainieren. Doch zweimal wurde er aus kaderpolitischen Gründen bei der Sichtung abgelehnt. Ursache war seine aus Karlsruhe stammende Mutter Ruth, die vor wenigen Tagen ihren 86. Geburtstag feierte und am Freitag ebenfalls anwesend war.
Zu DDR-Zeiten durfte es für Leistungssportler keine – auch nicht verwandtschaftliche – Beziehungen zum „Klassenfeind“ geben. Nur dem couragierten Wirken des jungen Jenaer Trainers Peter Gründig, der das Talent des Greizers erkannte, war es zu verdanken, dass der dritte Versuch positiv verlief. Ab September 1974 lernte er Kfz-Schlosser in Jena und trainierte am Abend beim SC Motor Jena. „Die ersten Jahre in Jena waren die härtesten und schwersten meiner Laufbahn.“ Doch die Erfolge stellten sich bald ein. 1975 begann mit dem Spartakiadesieg und der DDR-Meisterschaft der A-Jugend eine beispiellose Erfolgsserie, die sich ein Jahr später bei den Junioren mit dem DDR-Meister-Titel und der ersten internationalen Medaille bei der EM in der Türkei (Silber) fortsetzte.
Der von allen Trainern, auch dem anwesenden DDR-Auswahltrainer Willi Tepper, als äußerst trainingsfleißig und hart gegen sich selbst eingeschätzte Sportler löste 1977 keinen Geringeren, als den dreimaligen Europa- und zweimalige Vizeweltmeister Horst Stottmeister (Leipzig) in der 90 kg-Klasse der DDR-Auswahl ab und verteidigte diese Position bis zum Ende seine internationalen Karriere 1989, dann allerdings in der Gewichtsklasse bis 100 kg.
In dieser Zeit gelang ihm die unübertroffene Bilanz bei 20 internationalen Starts bei Welt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen 19 Medaillen zu erkämpfen. Nur bei Olympia 1988 in Seoul musste er mit Rang vier vorlieb nehmen, nur ein DDR-Ringer, Vereinskollege Andreas Schröder, war mit Bronze erfolgreicher. Der 12-malige Männermeister wurde zweimal Welt- und dreimal Europameister.

Die zahlreichen Zuschauer ob jung oder alt, die interessiert dem Zwiegespräch lauschten, stellten viele Fragen. Von Interesse waren die ausgereichten Prämien nach internationalen Erfolgen, die emotionalen Höhepunkte der Karriere, die Privilegien der DDR-Spitzensportler, der Olympiaboykott 1984, Unterschied im Sportsystem der DDR zu heute und die Entwicklung des Doping-Problems.
Der Gefragte, der nach abgelegten Abitur sein DHfK- Trainer- Studium mit dem Prädikat „sehr gut“ abschloss, gab überzeugende und erschöpfende Auskunft.

„Kulminationspunkte eines Sportlerlebens sind die Olympischen Spiele. In Moskau 1980, als mein Start durch einen kurz vorher erlittenen Adduktorenanriss bis zur letzten Minute gefährdet war, hatte ich das Finale gegen Sanasar Oganesjan aus der Sowjetunion 11:9 gewonnen. Die gastgebende UdSSR-Sportführung legte Protest ein, beim Videobeweis werteten zwei der drei eingesetzten Kampfrichter gegen mich. Ich war Zweiter.“
Der Autor dieser Zeiten kann sich noch gut an diese Zeiten und das faire Verhalten von Uwe Neupert erinnern. In Moskau lief damals nicht alles nach den Regeln ab. In deutschen Ringerkreisen war man der Meinung, dass auch dem Greizer übel mitgespielt wurde. Auf Fragen danach wehrte er aber von seinem eigenen Schicksal ab und verwies z.B. auf seine speerwerfende Vereinskollegin Ruth Fuchs, die noch stärker unter Manipulationen zu leiden hatte.
Vier Jahre später kam der Boykott der meisten Ostblockländer bei den Spielen in Los Angeles, von denen die DDR-Ringer im Höhentrainingslager in Bulgarien informiert wurden. Mit dem vierten Platz von Seoul – nach einer Schulterluxation 1987 – wollte er sich aber nicht vom Leistungssport verabschieden. Nach einer Pause entschloss er sich 1989, noch einmal bei der WM in der Schweiz zu starten, wo er wie üblich eine Medaille gewann, diesmal war es die bronzene.

Interessant war auch die Frage aus dem Publikum, nach dem 1982 erfolgten Gewichtsklassenwechsel von der 90 kg-Klasse ins Limit bis 100 kg. „Zu dieser Zeit hatte ich ein Normalgewicht von ungefähr 105 kg. Einen Tag nach dem Wettkampf hatte ich dann schon wieder 98 kg. Das war wirklich nicht gesund. Außerdem schien mir der sowjetische Vertreter in dieser Klasse besser zu liegen.“
Über die hohen Ansprüche, die zu dieser Zeit an ihn, wie an andere Leistungssportler der DDR gestellt wurden, berichtete Uwe Neupert in einer Anekdote: „1978 war ich in Mexiko Weltmeister geworden, ein Jahr später wurde ich in San Diego (USA) Zweiter. In Jena gab es einen Empfang, ich durfte mich ins ‚Goldene Buch der Stadt’ eintragen. Dabei fragte mich der Bürgermeister: ‚Was war los? Warum bist du nur Zweiter geworden?“

Natürlich interessierte in diesem Zusammenhang auch die Frage, warum diese Erfolge heute kaum noch möglich sind für deutsche Sportler. „Grundlage der Erfolge waren hervorragende Sportbedingungen, die heute in der Breite so nicht mehr existieren. Wir waren aber auch ein tolles Team mit einer hervorragenden Trainingsdisziplin. Den anwesenden Nachwuchssportlern kann man nur raten, in der Schule aufzupassen, regelmäßig zu trainieren, zu tun was der Trainer sagt und auf Vater und Mutter zu hören.

In diesem Zusammenhang spielt auch das Dopingproblem eine Rolle. Zwar finden weltweit Dopingkontrollen statt, bzw. sollten sie stattfinden. Aber so akkurat wie in Deutschland wird das sicher nicht überall bewerkstelligt. In einigen Ländern wird zum Beispiel ausländischen Kontrolleuren die Einreise verweigert. Dadurch werden die deutschen Athleten sicher benachteiligt.

Der Protagonist des Abends war für seinen Trainingsfleiß bekannt. Wenn er am Freitagabend schon zu Hause war – damals wurde in Jena regelmäßig noch am Samstag trainiert – kam er jedes Mal zum Training in die Jahnturnhalle. Heute ist das bei vielen Sportschülern nicht mehr die Regel. Und der Umgang mit Verletzungen ist auch ein anderer. Als Uwe Neupert zu Beginn seiner Laufbahn nach einer Knieverletzung zwei Wochen mit eingegipsten Bein in Greiz weilte, ließ er sich von seiner Mutter zweimal täglich zum Krafttraining zur Jahnturnhalle fahren.

Als Leistungssportler lernte Uwe Neupert viele Menschen und viele Teile der Welt kennen. Die Verbindung zum Heimatverein brach nie ab. Von jeder Auslandsreise schickte er Grüße zum damaligen Ringerchef Rudi Thümmler, die die Ansichtskarten zum Training mitbrachte.
Der heute 59-Jährige ist noch immer Sportler mit Leib und Seele. Da war es kein Wunder, dass er nach der ultimativen Frage des Moderators antwortete: „Natürlich würde ich mich wieder dem Leistungssport verschreiben.“

Erhard Schmelzer @17.10.2016

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